Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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die Gläubigen überhaupt sinnbildet. Die
Hirschsage gibt uns nämlich in ihrem
weiteren Verfolg nicht bloß ein Bild von
der Vertreibung des bösen Geistes aus
dem Herzen des Täuflings, sondern auch
von dem neuen Leben in Gerechtigkeit und
Heiligkeit, das die Taufe in ihm gruudgelegt
hat. Der Hirsch empfindet (vergl. unser
früheres Citat aus Vincenz von Beauvais,
in welchem sich die allgemeine Anschauung
ausspricht) sobald er das giftige Gewürm
verschluckt hat, einen brennenden Durst.
Die Glut zu löschen, eilt er rastlos über
Berg und Thal, bis er die Quelle entdeckt.
Er labt sich und zieht sich dann ins
Dickicht zurück, wo alsbald eine wunder-
bare Umwandlung in ihm Platz greift.
Sein Geweih fällt ab, sein Fell erneuert
sich. Mit neuem Leben, frischer Sehkraft
ausgestattet tritt er aus seinem Versteck
hervor und kann nun hundert Jahre leben.
— Den vom Schlangengift verzehrten
Hirsch vergleichen die Erklärer mit dem
Sünder, dem nicht kann geholfen werden,
außer er trinkt aus der Quelle des Heils.
Ob man sich unter dieser mehr die Buße
oder die Taufe zu denken hat, hängt von
den Umständen ab. Die Väter erinnern
am häufigsten an die Buße — aus
praktischen Gründen. Daß damit die Be-
ziehung auf die hl. Taufe nicht ausge-
schloffen sein will, beweisen allgemein
lautende Mahnungen wie folgende: „Das
schöne Gleichniß des Hirschen soll uns
antreiben, wenn wir von dem Gift der
alten Schlange verschluckt und uns von
demselben bedrängt fühlen, sofort zum
Quell der göttlichen Barmherzigkeit zu
eilen, damit der Schaden, den uns die
Sünde zugefügt, durch den reinen, süßen
Trunk überwunden werde." So Cassiodor.
So mahnt uns das Hirschbild, je nachdem
wir es betrachten, an den Haß Gottes
gegen die Sünde im allgemeinen, oder an
den Sieg Christi und seiner Apostel über
die bösen Mächte, an die Aneignung seines
Sieges an den einzelnen Menschen durch
die Gnade der Taufe und au das aus
dieser Gnade erblühende geistige Leben.

Doch so laut unser Hirschbild redet
und so deutlich es hervortritt (es steht
nämlich gesondert, während die andern
Figuren eine fortlaufende Reihe bilden),
so hat doch nicht es mir den Blick in's

Dunkel eröffnet: der erste Lichtstrahl
kam von der nächstfolgenden Gruppe zur
Linken*), den zwei feuerspeienden, be-
schuppten und beflügelten Drachen mit den
verschlungenen langen Hälsen; über dem
einen der. bärtige Kopf, das Menschen-
antlitz mit den gekrümmten Widderhörnern
und mit dem geheimnißvollen Lächeln in
den kunstlosen Zügen. Hauptsächlich letz-
teres hatte es mir augethau, und als ich
nach wiederholtem Anschauen bemerkte, daß
dem fragkichen Kopf gleich unter den
Hörnern zwei Arme entwachsen und diesen
je fünf leibhaftige Finger (die Finger sind
sehr kenntlich, während der Arm selbst zu
dem Unvollendetsten gehört und erst ent-
deckt werden mußte); als ich sah, daß die
Finger der linken Hand den Schwanz des
einen Drachen umklammert halten, während
die Finger der rechten zwischen der Kreuzung
der Hälse hindurchgreifend die Gurgel des
andern umfassen, so daß beider Uugethüme
Kraft gelähmt erscheint, da fiel es mir
plötzlich wie Schuppen von den Augen.

Das ist ja, sagte ich mir, der Widder
der Katakomben, dieses auf den ältesten
Grabmäleru und in den unterirdischen
Heiligthümern der ersten Christen so be-
liebte Sinnbild des Erlösers: und jenes
ist „die alte Schlange, der große Drache",
itad) Macht, Wuth und List das würdige
Kontersei Satans: in den Psalmen, bei
Jsaias und in der Geheimen Offenbarung
nicht weniger als siebenzehn Mal genannt,
das volksthümlichste Ungeheuer in der Sage
und in den Knustvorstellungen des Mittel-
alters. Ein Stärkerer als er selbst ist
hier über ihn gekommen, hat ihn über-
wunden und ihm die ganze Waffenrüstung,
auf die er sich verließ, abgenommeu (vgl.
Luk. 11, 22); das ganze Offensiv- und
Desensiv-Arsenal dieser Uugethüme befindet
sich in den Händen des Widdermeuschen
und ist von ihm wie mit eisernen Klam-
mern umschlossen. Wirklich eine originell-
drastische Darstellung der durch den Opfer-

*) Wir bitten, von dem Hirschbild an nach
links um den Taufstein herumzugehen. Die
Reihenfolge ist dann diese: Die Drachengruppe
mit Widderkopf: 4. Bild der Beilage; Schluß
der Drachengrnppe mit zweitem Widderkopf und
einem kleineren Thier: 3. Bild; Einhorn und
Löwe: 2. Bild. Die Aufnahme geschah in sehr be-
friedigender Weise durch Photograph Fiedler
in Frendenstadt.
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