Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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lob des Erlösers dem Höllenfürsten bei-
gebrachten Niederlage! Äuch wußte unser
Bildner bei aller Unvollkommenheit seiner
Mittel wohl, was er darstellen wollte.
Diese Ungeheuer mit schweren, dem Fisch-
leib sich anschmiegenden Flügeln, mit
kleinem Rachen und riesigen Augen, die
wie die des übrigen Gethiers (abgesehen
von dem Menschengesicht) nur durch grobe
Linien hergestellt sind; diese zwischen Ei-
dechse, Schlange, Fisch und Vogel hin und
her schwankenden Unthiere, iw welchen wir
einigermaßen die Jchthyosauri und Plesio-
sauri der Vorzeit wiedererkennen: sie sind
viel weniger willkürlich, als wir auf den
ersten Blick glauben möchten. „Sein Maul
ist klein (sagt Brunetto Latin! von
dem Drachen) gleichsam nur eine enge
Oessnung, um Zunge und Geifer hin-
durchzulassen." Um so länger ist der Hals,
und wenn unser unbekannter Bildner die
zwei Drachenhälse ornamental miteinander
verschränkt, wie es ihm wohl auf deutschem
Boden wenige vor- viele aber nachgethan
haben, so hat er sie nicht deshalb so lang
machen müssen, um dies Kunststück zu
Stande zu bringen, sondern sie waren von
selbst so lang; der Schwanenhals galt
als Drachen-Eigenthümlichkeit. (Es mag
bemerkt werden, daß auch am Westportal
des Wiener Stephansdoms ein romanisches
Drachenpaar mit solch verschränkten Hälsen
vorkommt, nur in einem weit fortgeschritte-
neren Stil und in reicher ornamentaler
Ausgestaltung. Vgl. Paul Müller,
das Riesenthor des Stephansdoms S. 25.)
„Seine Stärke liegt nicht so sehr in seinen
Zähnen als in seinem Schwanz (belehrt
uns Rhabanus Maurus, wozu Offenb.
12, 4 des Näheren zu vergleichen wäre),
und die Schläge, die der Drache mit dem
Schwänze führt, sind verheerender als
seine Bisse." Auch unser Künstler hat
das betreffende Glied nicht zu kurz kommen
lassen. Indem er aber gerade dieses Glied
fesselt und zwar in beiden Fällen (bei
dem linksseitigen Drachenbild wird sich
uns das Schauspiel der den Drachenschwanz
umfassenden Widdersaust wiederholen), kann
er nur die gänzliche Fesselung Satans
im Auge gehabt haben.

Feurig und verpestet ist der Athen: des
Drachen; „sein Niesen ist strahlend Feuer"
(Job 41, 9); „Gift sitzt ihm nicht in

den Zähnen, es tränst ihm von der Zunge",
sagt Hugo von St. Viktor; das Feuer
kündet seinen Ingrimm, das Gift seine
Falschheit und Lüge. Die schweren un-
beweglichen Flügel, den plattsüßigen Vögeln
entlehnt, malen die Unfähigkeit des bösen
Engels, sich jemals wieder nach den ver-
lorenen Sitzen im Himmel emporzuschwingen.
Der Vogelhals und die Adlerskrallen er-
zählen von dem unsinnigsten Stolz und
der blindesten Verwegenheit. Da die zwei
Füße des Vorderleibes niedrig sind, lassen
sie ihn in voller Berührung mit dem Boden,
denn „ans dem Bauch sollst du kriechen
und Staub fressen dein Leben lang". „Am
Boden sich hinbewegen, ans dem Boden
sich hinschleppen, oder noch anschaulicher:
den Koth der Erde essen, das heißt in
der Sprache der Mystik so viel, als:
sich an die irdischen Freuden hängen und
darin anfgehen; an die falschen Güter,
die eitlen Ehren, die unreinen Sinnen-
genüsse; sich hieran ersättigen; sie sich
gewissermaßen zur Nahrung machen."
(Eorblet, Uevue cte l'art chretien, Jahrg.
1864, S. 178, Art. über den Drachen,
woraus wir manche Notizen entlehnt haben.)

Diese Einzelheiten führten wir an, nicht
als wollten wir einen widerlegen, der
allenfalls in diesen Bildwerken bloße Spie-
lerei und Künstlerlanne erblicken möchte —
ein solcher wäre der Widerlegung nicht
werth —, sondern um zu zeigen, wie diese
Bildner des Mittelalters durch ihre Dar-
stellungen diejenigen Gedanken bei den
Leuten wirklich erwecken konnten, die
wir jetzt nur mit Mühe damit verbinden.
Sie konnten es, weil die Formen, deren
sie sich bedienten, genaue und bestimmte
waren und sie sich keine willkürlichen Ab-
weichungen erlaubten. So waren sie sicher,
daß ein jeder ans den bekannten Figuren
und Zeichen auch die ein für allemal da-
mit verbundenen Lehren, die überall ge-
läufig waren, herauslesen würde: gerade
so wie ein kleines Kind den Inhalt seines
Bilderbuches, wenn auch mit seinen eigenen
Ausdrücken, aus den Bildern allein heraus-
liest. Quod non scriptura — pictura!
Was der Griffel nicht thut, thnt Meisel
und Pinsel: dieser Grundsatz galt in jener
bücherarmen und darum des Lesens ziem-
lich unkundigen Zeit.

Mußten aber die mittelalterlichen Meister
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