Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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nicht verschlungen wird und aufgeht in
einem öden einförmigen Raume, sondern
daß da und dort kleine Nebenräume,
Krypten und Kapellen winken, in welche
das der Einsamkeit bedürftige Herz sich
zurückziehen und in der Welt des Gebetes
sich verlieren kann.

Mit solchen Anschauungen sind wir
aber bereits bei manchen in den Verdacht
neuer Gesetzesverletzung gekommen. Das
weitere, gegen Vergrößerung alter Bauten
ins Feld geführte Gesetz ist das der
Symmetrie, ein Gesetz, das bei vielen
als das oberste und heiligste Gesetz im
ganzen Reich der Kunst gilt, so daß sie
Nichtbeobachtnng desselben als absolut
sicheres Zeichen barbarischen Geschmacks
und rohen Knnstgefühls ansehen. Mit
diesem Gesetz hat es eine eigenthümliche
Bewandtniß. Als.noch kaum eine Ahnung
von den wahren Lebensgesetzen der Kunst
sich wieder in Deutschland eingestellt hatte,
da regierte schon dieses Gesetz mit fast
magischer Gewalt, und noch stehen wir so
sehr unter seinem Bann, daß wir mit-
unter wahrlich lieber Knnstsehler machen,
nur um das angeblich höchste Kunstgesetz
nicht zu verletzen. So stark war der Druck
dieses Gesetzes, daß niemand es gewagt
hätte z. B. in der linken Chorwand eine
Sakristeithüre anzubringen, ohne rechts
dieselbe Thüre nachzubilden, nöthigenfalls
als Blendthüre, wiewohl rechts lediglich
gar kein Bedürfniß einer Thüre bestand.
Den zarten Symmetriesinn hätte es lange
tödtlich beleidigt, wenn von zwei einander
gegenüber postierten Nebenaltären der eine
es gewagt hätte, auch nur um eine Linie
vom andern abzuweichen. War es nicht
möglich, die Fensterreihe der einen Kirchen-
wand auf der andern genau zu repro-
duziren, so hielt man sich im Gewissen
verpflichtet, aus der anderen Seite die
korrespondirenden Fenster, die nicht wirk-
lich angebracht werden konnten, wenigstens
ans die Wand möglichst naturgetreu an-
zumalen mit Scheiben itub Gitterwerk;
hat man doch noch in den letzten Jahren
in einem großen Münster auf die fenster-
lose Chorwand die Fenster der andern
Seite wenigstens in den Umrißlinien aus-
gezeichnet. Die Symmetrie ist das einzige
ästhetische Gesetz, welches auch der Zopf-
stil noch respektirte und welches daher so

fest im Bewußtsein blieb; der Zopfstil
wurde hierin so delikat, daß er schließlich
es nicht mehr ertrug, daß der Kanzel aus
der einen Seite nicht auch eine auf der
andern Seite entsprach, daß nur rechts
ein Taufstein sich befand und nicht auch
links, und daher, wie in manchen Kirchen
zu sehen, in der That neben die eigent-
liche Kanzel und den rechten Taufstein
noch eine Scheinkanzel und einen Schein-
taufstein setzte.

Daß es ein Gesetz der Symmetrie gibt,
ist zweifellos. Aber in welchem Sinn
und Umfang es zurecht bestehe und ver-
pflichte, das ist eine große Frage. Durch
die rein mechanische und geistlose Auffassung
und Handhabung des Gesetzes wurde, wie
man allmählig einsieht, die Kunst mehr
geschädigt als gefördert. Selbstverständ-
lich wird man eine Kirche in ihrem Haupt-
organismus symmetrisch anlegen; aber nicht
einmal hier wird es ein gesundes Auge
beleidigen können, wenn etwa rechts am
Langhaus sich eine Kapelle ausbaut, ans
der linken Seite nicht. Es verhält sieb
hier ähnlich wie mit der Stileinheit; wo
immer die Abweichung von der ganz regu-
lären Norm rationell oder historisch be-
gründet und legitimirt ist, da kann man
sich an derselben nicht mehr stoßen. Voll-
ends bei Nothbauten, wie es die Ver-
größerungen in größerem oder geringerem
Maße immer sind, hat man ein volles
Recht, beinahe jede Rücksicht ans sym-
metrische Anlage bei Seite zu lassen. Kann
man durch Anfügung eines einzigen Seiten-
schiffes das Defizit an Raum heben, so
füge man es unbedenklich an, selbst auf
die Gefahr hin, delikate Augen durch den
Mangel an Symmetrie zu verletzen; kann
man zwei anfügen, aber nur von un-
gleicher Breite, so kümmere man sich im
Bedürfnißfalle lediglich nicht um diese
Ungleichheit. Der auf diese Weise ent-
stehende unsymmetrische Bau wird vielleicht
selbst nach außen besser und malerischer
wirken, als manche unserer Neubauten mit
ihrer frisirten Nüchternheit und ihren jäm-
merlichen Verhältnissen; sollten aber im
Innern sich störende Mißverhältnisse er-
geben, so könnte eine kluge Dekorations-
weise sie wohl ausgleichen.

Noch weniger fallen ins Gewicht die
Bedenken wegen etwaiger Ungleichheit des
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