Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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in allen seinen Massen so leicht und frei sich
hebt und schwingt, so daß das Auge selbst wie
unwillkürlich mit in die Höhe gerissen wird, und
wenn es an der Spitze angelangt ist, dort gleichsam
den Geist in Gestalt einer leichtgcflngelten Taube
sitzen sieht, der nun, sobald des Menschen Auge
ihn erblickt, sich aufschwingt und die Ahnung des
Menschen in noch größere Höhe lenkt — bei
diesem Anblick mußte ich immer jenes Wortes der
Genesis gedenken, in welchem uns Moses die
Scböpfnng des ersten Menschen erzählt und nach
welchem mir noch von den Zeiten des ersten
Unterrichtes das Bild in der Erinnerung schwebte,
wie Gott der Herr den Leib des ersten Menschen
ans Erde gebildet und dann ihm den Odem des
Lebens eingehancht, und dieser nun von der Erde,
auf der er zuerst, ein fühlloser Leichnam, gelegen,
aufsprang und lebte. Hier sah ich ein treues un-
verkennbares Nachbild jenes ersten Bildes der
Menschenschöpfnng; ich sah die Erde in ihrer
festesten, schwersten Gestalt, in der schwerfälligen
Steinmasse von dem Hauche des künstlerischen
Menschengeistes getroffen, vom Boden aufspringen
und sich durch eine neue höhere Lebenskraft nach
oben schwingen. Zwar war das erste Gesetz der
Schwere nicht aus dem Steine gewichen, aber es
war einem anderen Gesetze gehorsam geworden
und durch dasselbe von seiner Schwerfälligkeit be-
freit. Das erdhafte Gesetz gab ihm Festigkeit
und Stärke, das Gesetz der Kunst Leichtigkeit,
Zierlichkeit und Schönheit, und beide in dieser
innigen Wechselwirkung die reine Harmonie von
Kraft und Anmuth. Die wahre Schönheit aber,
wie die schöne Wahrheit, entsteht immer nur aus
derHarmonie zweier sich gegenüberstehcndenLebens-
bedingungen, die in ihrer gegenseitigen Einigung
in eineinder und für einander sind und leben
und die Kraft des Geistes in dem Grunde der
äußeren Erscheinung offenbaren, der äußeren Er-
scheinung aber eine innere Bedeutung, Sinn und
Zweck verleihen." (Dentinger a. a. O.)

„Mustern wir (sagt Kallenbach sehr lehrreich
in seinem „Atlas zur Gesch. der deutsch, mittelalt.
Baut."), mustern wir noch einmal das Ganze,
so finden wir, daß unten tragend und aufwärts
immer lichter emporwachsend an jeder Stelle, wo
zur Gewinnung der pyramidalen Hanptform und
des achtseitigen, zuletzt spitzigen Schlusses der
Hauptmasse gewisse Theile entbehrlich werden,
diese Theile nach dem nämlichen Gesetz der großen
Mitte in abgesonderte Zweige aufsprossen von
mehr oder minderer Bedeutung an Körper und
Höhe je nach Berhältniß der ihnen zufallenden
Basis. So zuerst die untern, dann die höher«
und größer» Heiligenhäuschen, viel bedeutender
die Dreieckpyramiden und zuletzt die Plattform-
krone, welche die Masse der Eckpfeiler des Acht-
ecks in besondere Thurmbündel, die Masse der
Fenster in Dreieckgiebel auswallen läßt und durch
die letzteren zugleich den horizontalen Abschluß
vermeidet: gleichsam die untere Aufstrebnng nach
der Spitzpyramide hinübertragend. Der einzige
bei dieser sonst so geistreichen Anordnung störende
Theil ist die unterste Umgangsgallerie, weil diese
zu stark das Untere vom Oberen scheidet."

Daß und warum wir den fraglichen
Bautheil nicht so schwer nehmen, ist schon

besprochen. Nun aber scheint uns derselbe
wenigstens in einer Hinsicht sogar von
günstiger Wirkung. Bekanntlich preisen
alle Beurtheiler den Freiburger Münster-
thurm ob des ungekünstelten, unmittelbaren
Eindrucks, den er, und zwar vor allen
seinesgleichen, hervorbringt. Er reißt hin
durch einen sanften, harmonischen Zauber,
durch seine von allem Gesuchten weit ent-
fernte Vollendung, Reinheit und Zartheit,
die den Beschauer über die Erde und über
sich selbst erhebt. Darüber sind alle, die
ihn gesehen, einig. Köln fröstelt schon,
Wien ist geziert, Ulm absichtlich effektvoll:
nur der Freiburger Thurm erscheint als
das ungeschminkte Kind frei schaffender
künstlerischer Phantasie — der entwickelten
deutschen Thurmbaukunst erstes Lächeln
und erste reise Frucht zugleich! Und so
erscheint er, obgleich auf das geistreichste
angelegt, auf das feinste abgestuft und bis
zu feinen letzten Ornamenten durch und
durch berechnet und abgewogen. Aber das
Auge empfindet nur die wohlthätigen Folgen
dieser Berechnung, sie selbst empfindet es
nickt. Es schwelgt in diesen Formen und
in ihren schönen Verhältnissen, als ob sie
so sein müßten, und der Eindruck bleibt
rein naiv. Sollten nun „die fast roh ab-
brechenden Hauptformen des Untertheils",
von welchen Kugler redet, welcher übrigens
doch zugibt, sie seien „leise verdeckt und
somit für den Gesammteindruck nicht
störend", sollte, sagen wir, die kleine Un-
ebenheit zwischen den beiden ungleichen
Hälften der Natürlichkeit der Wirkung
nicht sogar nützen? — Ebenso, gewiß,
wie eine unvermittelte Wendung der Frische
der Darstellung nützt! Dohme vermißt
an der Kölner Fassade „die Herbigkeit
früherer Zeiten und ihre reizvollen Gegen-
sätze". Nun, diese reizvollen Gegensätze
sie sind hier! Nur an einem einzigen
Punkt treten sie hervor, da wo eine noch
nicht ganz entwickelte Kunst der voll ent-
wickelten die Hand reicht und hier sollten
sie nicht am Platze sein? — Sagen wir
es frei und selbst aus die Gefahr hiu, bei
Baumeistern und Kunstrichtern ein Kopf-
schütteln zu erregen: Uns ist die Frei-
burger himmelanstrebende Pracht (ähnlich
der auf kahlem Stamm sich wiegenden
Pyramide eines Riesen unserer Wälder)
immer um so achtunggebietender vorge-
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