Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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kommen, je schlichter der Fuß — schlicht
nicht durch Armuth, sondern durch Absicht
des Meisters, wie die prächtige Thurm-
halle Zeigt — je einfacher der Unterbau
ist, dem sie entsprießt;

„ . . . sie gleicht der Fichte,

Die verlangend aufwärts strebt Zum

Lichte,

Schönste Zier im weiten Waldbereich."

(Ludwig Brill.)

(Fortsetzung folgt.)

Das Bildwerk des Taufsteins in
Freudenstadt.

Von Stadtpfarrer Eugen Ke pp t er.

(Fortsetzung.)

Wer nun aber nufere Widder-Drachen-
Scene, wie sie nun einmal ist, als nnge-
hörig, sa ungeheuerlich verurtheilen möchte,
dem können wir versichern, daß er an
theologischer Einsicht hinter jenen, für
welche ursprünglich dies Bildwerk gemünzt
war, weit zurücksteht. Die scheinbare Un-
geheuerlichkeit birgt einen tiefen Sinn.
Der Wsdder gegeit den Drachen das be-
deutet tiichts anderes als: die höchste
Machtentfaltung Christi gegenüber der
höchsten Machtentfaltung des Antichrist.
Diese höchste Machtentfaltnng Christi, wo
hat sie stattgefunden? Am Kreuze,
eben als er dem Gifthauch des Drachen
zu unterliegen schien. Das Vorbild dieses
Kreuzesopfers aber war von jeher der
Widder, vorbildlich schon geopfert aus
dem Altar des alten Bundes. Siehst du
setzt diese Gruppe allmählig mit anderen
Augen an? Verstehst du jetzt das Lächeln
dieses gehörnten Menschenantlitzes über
dem feuerspeienden Ungeheuer? Es ist
das Lächeln der siegesgewissen Ueberlegeu-
heit! Bald sollst du noch mehr verstehen
lernen! Die Gottesgelehrten beziehen sich
in ihren Erklärungen des Widdersymbols
auf Abrahams Opfer. Isaak, ein Vor-
bild des Erlösers, wird zum Tod verur-
teilt, aber nicht getödtet. Darum ist eben
Isaak ein Vorbild der Gottheit Christi,
welche am Kreuze nicht starb! Der Widder
dagegen, den Abraham im Dornbusch
hängend fand und opferte, ist das Vorbild
von Christi Menschheit. „Der Widder
(sagt der hl. Anselm, Enarr. in Matth.)
und nicht Isaak ist geschlachtet, d. h. die

Menschheit Christi hängend an den Hör-
nern des Kreuzes zwischen den Dörnern
der Trübsal." — Weil der Widder ein
Vorbild der geschlachteten Menschheit des
Erlösers ist, deshalb hat der Widder hier
das Gesicht eines Menschen. Seht, wie
treffend, wie tiefsinnig uns jetzt erscheint,
was uns Anfangs befremdete! Darum
nur nicht gleich aburtheilen angesichts
dieser Kunst in Windeln! Roh mögen
die Formen sein, aber die Gedanken sind
desto feiner!

So kann, „wer stillem Deuten nach-
zugehen sich bemüht", den Thieren, den
Pflanzen und anderen sinnlichen Gegen-
ständen die Geheimnisse entreißen, welche
unsere Väter, ihrer poetisch-religiösen Rich-
tung folgend, denselben anvertraut haben.
Sie selbst haben uns zugleich mit den
Räthseln auch ausgiebige Schlüssel zu
deren Lösung hinterlassen. Und dennoch
wie viele noch unaufgeklärte Schwierig-
keiten und ungehobene Schätze! Das
kommt daher, daß es außer den allbe-
kannten Sinnbildern auch lokal gefärbte
gibt; sodann daß man verschiedene Zeichen
(wie auf unserem Taufstein) vereinigte,
um eine Gedanken reihe auszudrücken,
wodurch der Sinn derselben modisizirt
wird; endlich daß manche Gebilde sogar
so tief auf der Kiudheitsstuse der Kunst
stehen, daß man nicht mehr erkennt, was
sie vorstellen, also noch viel weniger, was
sie bedeuten sollen.

Jenes kleine Thier zur Linken der
Drachengrnppe, es greift eine fliehende
Schlange auf, als wäre es gegen ihr Gift
gefeit und es stürzt sich muthig dem feuer-
speienden Drachen entgegen, als wüßte
es dessen gefräßige Gurgel von starker
Hand zugeschnürt — was ist dieses und
was will es? Ich dachte anfangs, es
müßte der wilde Esel sein, wohl aus keinem
anderen Grund, als weil dieser mir als
ein bedeutsames Thier bekannt war; auch
hätte das bekehrte Heidenthum, dessen Sinn-
bild bekanntlich der wilde Esel ist, auf
einem Taufstein eine gar gute Figur ge-
macht. Zum Zeichen der Befreiung von
Tod und Sünde würde dann die Schlange
dem Thier aus dem Munde kriechen. Aber
die Schlange kriecht eben nicht aus dem
Mund; sie flieht vor ihm; auch ist das
bekehrte Heidenthum nur dann im wilden
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