Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 28
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Gemälde oder Holzskulpturen au diesen
Altären angebracht gewesen seien, was doch
recht wahrscheinlich ist.

Soviel mag aus alle dem hervorgehen,
daß Holzskulpturen, welche älter sind als
das 15. Jahrhundert, bei uns eine Selten-
heit sein werden; es mag deshalb auch ge-
stattet und angezeigt sein, über den Be-
stand einiger Statuen, die sicher in das
14. Jahrhundert zurückgehen, Mittheilung
zu machen. Die Beurtheiluug stützt sich
hiebei allerdings nicht ans äußerliche Be-
glaubigung, sondern auf den Stil. Allein
die Gefahr eines groben Fehlgriffes ist
hier kaum zu fürchten, weil die Stein-
skulpturen sicher leiten, die ihrerseits durch j
die Bauzeit der gothischen Kirchen gut ge- '
sichert sind.

Lübke beschreibt den allgemeinen Charakter '
derselben so:

„Die Figuren verlieren (in dieser Zeit des ;
gothischen Stils) die stattliche Würde, das an die
Antike erinnernde Gepräge von erhabener Ruhe;
sie werden schlank und schwank, zart aufgeschossen
und nüt schwärmerischer Neigung des Locken-
hauptes dargestellt; sie biegen mit einem Schwung,
der den Schwerpunkt auf die eine Seite verlegt
und die andere dagegen sich tief einziehen läßt,
den ganzen Körper ans- und einwärts, wie wenn
derselbe unmittelbar den leisesten Schwingungen
des Empfindens folgte; sie sprechen diese Regungen
des Seelenlebens durch einen Zug lächelnder
Holdseligkeit aus, der fast ohne Ausnahme das
Gesicht freundlich erhellt."

Ganz übereinstlmmeud äußert sich auch
Bode?) Wir möchten als Paradigma
hiefür auf die in größerem Maßskab aus-
geführte und niedrig genug (in Manns-
höhe) stehende Steiufigur des hl. Johannes
des Täufers am Portal des Münsters in
Ueberlingen (14. Jahrhundert) Hinweisen;
aber auch ein Blick auf unsere Holzfiguren
genügt schon, um diesen Charakter alsbald
herauszufinden.

Ich faßte sckon in den sechziger Jahren
die beiden 0,90 m hohen Figuren des
hl. J.oHannes des Täufers und des
Evangelisten ins Auge, die aber dazu-
mal dem Altar der Kapelle in E l l m a n n s-
weiler, OA. Biberach, einverleibt waren.
Als ich aber im Laufe des Jahrs 1888
hörte, daß dieselben einem neuen Altar-
Haben weichen müssen und in Privatbesitz
übergegangen seien, traf ich alsbald Ein-
leitungen, um dieselben zu erwerben, was

0 Geschichte der deutschen Plastik S. 73.

auch gelang. Außer der allgemeinen Hal-
tung ist bei diesen Figuren weiter noch
sehr charakteristisch: die Behandlung des

F alte n w u r f s an den Mäntel n. Die-
selben sind ziemlich straff über den Leib
herübergezogen, so daß über dem Leib
selbst nur wenige und schwache Faltungen
, sich ergeben können. Dagegen ist die Fülle
des Stoffes des Mantels auf die Zipfel
gelegt, welche vom Heftungspunkte an ge-
rade herabfallen. Hier erfolgt nun eine
bauschig-zierliche Anordnung der Falten,
die in eine mehr oder weniger große An-
zahl von Trichtern zusammen gef aßt
sind. Im Laufe des 14. Jahrhunderts
hat diese Anordnung wohl ihre ausge-
sprochenste Ausbildung erlangt, greift aber
auch weiter zurück in das 13. Jahrhundert
hinein und noch weiter rückwärts. Bei
den beiden Holzfiguren von Ellmannsweiler
ist diese Behandlung des Faltenwurfs recht
deutlich und charakteristisch.

Am Schlüsse des 15. Jahrhunderts ist
man von dieser Anordnung des Falten-
wurfs weit abgekommen, so daß die Figuren
des 14. Jahrhunderts auch aus diesem
Grund einen fast fremdartigen Eindruck
machen für denjenigen, der die mittelalter-
lichen Figuren nach den Erzeugnissen des
Schlusses des 15. Jahrhunderts zu be-
urtheilen sich gewöhnt hat. In dieser
letzteren Periode werden die Mäntel nur
schlaff über den Leib gezogen, legen sich
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