Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 29
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deshalb über den Leib hin in tiefe und
zahlreiche Falten, die aber bei der
supponirten Schwere der Gewandstoffe in
sich selbst, an ihrem Scheitel hauptsächlich,
zusammenbrechen. Das ist der Ursprung
und zugleich die Berechtigung des ge-
brochenen Faltenwurfs am Ende des
15. Jahrhunderts. Für Polychromirung
und Fassung in Gold ist derselbe wohl
günstig, man möchte sagen nothwendig.
Ein goldener Mantel ohne tiefe, zahlreiche
und gebrochene Falten ist langweilig. Der
imposante Eindruck, welchen diese Schnitz-
werke, selbst die mittelmäßigen, hervorzu-
bringen vermögen, beruht zu einem guten
Theil gerade auf diesem Faltenschmuck.
Die nackten Figuren, z. B. des Gekreuzigten,
vermögen eine solche Wirkung nicht her-
vorzurnsen. Die Zipfel der Mäntel aber,
die zuvor so reich mit Falten bedacht wurden,
verlieren ihre Bedeutung fast ganz, weil
der Stoff eine ganz andere Disposition
erfahren hat. Eine unschöne Uebertreibung
des gebrochenen Faltenwurfs ist dann der
„k n i t t e r i g e" Bruch, der aber in Schwaben
nie so stark Eingang fand, wie schon in
Franken und auch in Norddeutschland nach
Ausweis von Photographien in dem schon
citirten Werke von Münzenberger (z. B.
Lukasaltar in Lübeck). Die Aenderung
in der Behandlung des Faltenwurfs voll-
zog sich nicht plötzlich. Wir kommen
später (II.) darauf zu sprechen, daß sich
um das Jahr 1400 herum ein nicht zu
verkennender Uebergang von der einen Be-
handlungsweife in die andere Nachweisen
lassen dürfte.

Ein anderes, etwas kleineres (0,80 m)
Bild, der hl. Gallus mit dem Semel
(das Attribut des Bären ist hier nicht an-
gebracht), stammt aus der alten Kapelle in
Rißegg, OA. Biberach, die diesem Heiligen
geweiht ist. Das Bild wurde aber durch
ein anderes aus dem Ende des 15. Jahr-
hunderts schon früh verdrängt und wanderte
auf den Kirchenboden; ich habe dasselbe
durch Tausch erworben. Dieses Bild hat
keinen Mantel, sondern nur das Anachoreten-
gewand mit Kapuze und sieht deshalb noch
leibarmer ans als die beiden vorhergehenden;
aber bei der anderweitigen Uebereinstimmnng
mit andern auch mantellosen Figuren jener
Zeit ist kein Grund dazu vorhanden, das-
selbe einem andern Jahrhundert oder einer

andern Periode zuzuschreiben. Denkt man
sich den Johannes den Täufer von Ell-
mannsweiler seines Mantels entledigt, so
wäre die Haltung beider Figuren in ihren
schmalen Schultern und in der Biegung
des Leibes k. ganz übereinstimmend.

Diese drei Figuren befanden sich in der
unmittelbaren Nachbarschaft von Biberach
an Orten, für welche dieselben wahrschein-
lich schon ursprünglich bestimmt waren.
Die Vermuthung wird daher nicht grundlos
sein, daß in Biberach im 14. Jahrhundert
eine Werkstätte sich befunden habe, deren
Erzeugnisse dieselben sein werden. Die
technische Behandlung ist bei allen drei
wesentlich übereinstimmend. Man kann
nicht sagen, daß auf die Behandlung der
Gesichtsausdrücke oder der Haare eine be-
sondere Sorgfalt verwandt worden wäre;
das Lockenhaar des Evangelisten ist ganz
schematisch behandelt; ein Ring von Locken-
rollen umkränzt das Gesicht; gegen den
Scheitel hin ist das Haar glatt behandelt,
nirgends eine mehr als oberflächliche Aus-
führung. Doch ist Mannigfaltigkeit in
der Bildung der Köpfe angestrebt. Das
Gesicht des hl. Gallus ist rund, das des
Evangelisten schmal, jenes des Täufers
hält die Mitte. Nur der Faltenwurf ist
sorgfältiger dnrchgeführt. Für die Eigen-
thümlichkeiten der Knnstperiode (Schwing-
ungen des Leibes) ist der einzelne Meister
nicht verantwortlich zu machen. Ob die
Figuren bemalt waren, läßt sich nicht er-
mitteln, da jedenfalls die vorhandene obere
Farbenschicht erst viel später ansgetragen
wurde. Der Kelch in der Hand des
Evangelisten ist wohl auch nicht der ur-
sprüngliche, wie das Kreuz des Täufers;
dagegen ist das Semel des hl. Gallus mit
der Hand selbst aus einem Stück ge-
schnitzt, wie auch das Lamm des Täufers,
und sind deshalb ohne Zweifel ursprünglich.

Die photographische Aufnahme ist von
Angele in Biberach besorgt worden.

Der

Glasmaler Ludwig Allittermaier.

Von Pfr. Detzel in St. Christina-Ravensburg.

Es wird nächstens ein Vierteljahrhundert,
daß zu Lauin gen (im bayerischen Kreise
Schwaben) ein Künstler starb, der in seinen:
Fache ein anerkannter Meister und die Zierde
seiner Vaterstadt war, durch die eigenartige
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