Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Schönheit und bedeutende Anzahl seiner
Werke aber weit über sein engeres Vaterland
bekannt wurde. Es ist der am 22. Febr. 1864
verstorbene Glasmaler Ludwig Mitte r-
maier. Wenn wir in unserem Organ von
diesem bayerischen Künstler eine eingehendere
Schilderung seines Lebens und Schaffens,
sowie ein Verzeichniß seiner wichtigsten Werke
geben, so veranlaßt uns hiezu einerseits die
ganz bedeutende Eigenartigkeit seines Schaf-
fens, die ihm stets einen rühmlichen Platz
in der Geschichte der kirchlichen Glasmalerei
sichern wird, andererseits der Umstand, daß
ein gutes Drittheil seiner Werke, und dazu
noch die vorzüglichsten, sich in unserem enge-
ren Vaterlande finden. Ein gedrucktes
Manuskript, das in der Familie des Meisters
aufbewahrt tvird und das uns gütigst von
derselben zur Verfügung gestellt wurde, gibt
die Hauptcharakterzüge aus seinem Leben.
Verfasser desselben ist der rühmlichst be-
kannte Benefiziat Bautenbacher sei. in
Günzburg a. d. D. Außerdem hat auch
C. Andrea, der ihm die meisten Kartons zu
seinen Arbeiten gezeichnet, einiges über den
Meister im „Christ!. Kunstblatt" von Grün-
cisen und Schnaase (1864) veröffentlicht.

Ludwig Mittermaier wurde ge-
boren am 24. Jan. 1827 zu Lau in gen,
der Geburtsstadt des sel. Albertus Magnus,
des gelehrten Dominikanermönchs und nach-
maligen Bischofs von Regensburg, dem die
Stadt Lauingen auf ihrem geräumigen
Marktplatze in den letzten Jahren ein so
herrliches Denkmal gesetzt hat. Er genoß
keinen anderen und besseren Unterricht als
den der gewöhnlichen Volksschule seiner Hei-
mat, zeigte sich jedoch schon frühzeitig als
ein höchst talentvoller, begabter Knabe. Sein
Vater, ein gewöhnlicher Dekorationsmaler,
welcher die hohe Begabung des Sohnes er-
kannte, sandte ihn zwar in seinem zwölften
Lebensjahre an die Kunstschule nach Augs-
burg, allein nur etwa sieben Monate konnte
er dort unter Professor Geyers Leitung
weilen, als sein Vater plötzlich starb. Nun
mußte er in seine Vaterstadt zurückkehren,
um als Anstreich- und Zimmermaler sich
selbst, seiner Mutter und Schwester mit seiner
Hände Arbeit das Brot zu verdienen.

Als er einmal im Laufe des Sommers
mit mehreren Knaben seines Alters am Ufer
der Donau spielte, kam einer derselben dem
Rande des Flusses zu nahe, stürzte hinein
und rang, des Schwimmens unkundig, mit
den Wellen. Mittermaier sprang alsbald
ganz erhitzt, wie er war, ihm nach und brachte
den bereits gesunkenen Kameraden glücklich
ans User. Er selbst aber, als er an das
Land gekommen war, sank ohnmächtig zu-

sammen, und man trug ihn wie entseelt
nach Hause. Als er wieder zum Leben er-
wachte, war ein heftiges Nervensieber aus-
gebrochen, von dem er zwar wieder genas,
aber von der Zeit an war er stocktaub,
so daß er nicht einmal mehr den Klang der
Kirchenglocken hörte. So war er plötzlich
ganz von der Außenwelt, ihren Unterhal-
tungen und Zerstreuungen abgeschlossen und
fühlte sich auch einige Zeit sehr unglücklich.
Er wurde jetzt Autodidakt im besten Sinne
des Wortes und zwar nach zwei Seiten hin:
in der Wissenschaft und in der Kunst der
Glasmalerei.

In ersterer Beziehung, um hievon zuerst
zu reden, warf er sich bald mit aller Kraft
seines genial begabten Geistes auf das
Studium und zwar ohne alle und jede
fremde Anleitung und erwarb sich unge-
wöhnliche Kenntnisse, besonders in der Ge-
schichte und Chemie. Selbst die griechischen
und römischen Klassiker, die er freilich nur
in Uebersetzungen lesen konnte, hatte er alle
inne, wie ein Fachgelehrter. Altdeutsche
Literatur und Kunst- und Alterthumsforsch-
ung aber waren seine Lieblingsfächer, die er,
wie alles, was er trieb, unterstützt von einem
riesigen Gedächtnis und scharfen Verstand,
sich gründlich aneignete. Auch in der Schrift-
stellerei versuchte er sich und schrieb einige
recht artige Erzählungen für die Jugend,
worunter besonders „Der Sohn der Griechin",
„Zwei Brüder aus dem Volke", „Der Waffen-
schmied und seine Söhne", „Aus den: Leben
eines Heimatlosen" hervorgehoben zu werden
verdienen. Er gab seinen Schilderungen stets
einen historischen Hintergrund, den er mit
meisterhaftem kulturgeschichtlichem Pinsel aus-
malte. Nur wenige seiner Schriften er-
schienen mit seinem Namen. Anonym schrieb
er als sein letztes Werkchen 1849: „Das
Sagenbuch der Städte Gundelstngen, Lau-
ingeu, Dilliugen, Höchstädt und Donau-
wörth", dem er 1851 noch ein zweites Bänd-
chen: „Sagen- und Geschichtbuch der Städte
Burgau, Günzburg, Gundelstngen, Lauingen,
Dillingen und Wertingen" (im Selbstverlag)
Nachfolgen ließ. Er stand auch in lebhaftem
Briefwechsel und zwar mit bedeutenden
Männern seiner Zeit, wie mit den Künst-
lern Moriz v. Schwind in München, Ad.
Mentzel in Berlin, Ludwig Richter, Jul. v.
Schnorr-Karolsfeld, C. Andreä in Dresden;
auch Dichter, unter diesen Just. Kerner,
Hebbel, L. Bechstein, v. Zedlitz, Ad. Stifter,
schrieben ihm, schickten ihm ihre Werke und
nannten ihn Freund.

Auch in der Kunst der Glasmalerei, die
sein Hauptberuf wurde, ist er vollständig
Autodidakt; er hat eigentlich für sich die
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