Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 35
DOI Heft: 10.11588/diglit.15865.20
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15865.22
DOI Seite: 10.11588/diglit.15865#0039
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1889/0039
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
35

Deutschlands Riesenthürine.

Von Stadtpfr. Eng. Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Halten wir nun gegen die keusche Ein-
falt von Freiburg die kühne Kölner
Fülle, so haben wir anstatt der drei Stock-
werke deren fünf, von welchen erst das
vierte sich als Achteck darstellt, für welches
sich im dritten die Vorbereitung bildet.
Diese Riesenmasse nach Höhe und Breite
zu stützen, waren vier auch noch so mäch-
tige Eckstreben nicht iin Stande. Ein Zwi-
schenpfeiler mußte an jeder Seite des Vier-
ecks beider Thürme zur Unterstützung ein-
geschoben werden. Dadurch ergeben sich
für die Vorderansicht im ganzen sechs
Strebepfeiler (vier Haupt- und zwei Zwi-
schenstreben) ltub zwischen denselben in den
zwei Üntergeschoßen jedes Thnrmeö je zwei
Felder, also mit der Front des Mittel-
schiffes, welche die zwei Thnrmriesen ver-
bindet, im ganzen fünf Felder — ebenso
viele Abtheilungen in der Breite wie in
der Höhenentwicklung. Diese Felder sind
selbstverständlich keine kahlen Massen, so
wenig als die Strebepfeiler. Sind diese
von unten an mit Stab- und Maßwerk
gegliedert und an ihren Absätzen mit ge-
schmückten Giebelchen und zierlichen Fialen
bezeichnet, so sind jene fast ganz einge-
nommen von reich verzierten Durchbrech-
ungen von einer Höhe und Weite, daß die
festen wheile des Baues sich eigentlich nur
als Umrahmungen jener darstellen. Der
Mittelbau beginnt mit dem Hauptportal,
das sich so weit ausdehnt, als die es ein-
schließenden Strebepfeiler mit ihren weit
ausgreifenden Vorsprüngen es gestatten. Die
Thürme öffnen sich unten in einem vier-
theiligen Fensterpaar, wie denn alle Oefs-
nungen derselben viertheilig und mit dem
reichsten Maßwerk verziert sind. Die beiden
ersten dieser Fenster, rechts und links von
dem Hanptportal, sind durch die in sie
hineingebanten Nebenportale maskirt und
ragen mit ihren Wimpergen bis zu dem
entsprechenden Fensterpaar des zweiteil
Stockwerks hinan: wie der prächtige Giebel
des Hauptportals seine Schlußsiale in das
Prachtfenster des Mittelbaus hinaufsendet,
welches dem Hauptschiff Licht zuführt. Der
Giebel dieses Fensters hinwiederum schneidet
die Triforiengalerie und ragt weit in die

vielgliederige Pracht des Mittelschiffgiebels
hinein, welcher den Zwischenbau, die Thürme
nunmehr frei lastend, abschließt. Dem mitt-
leren Prachtfenster ahmen die seitlichen
Fensterpaare des zweiten Geschoßes^nach,
indem sie zugleich mit jenem durch ihre
Bekrönung die wagrechte Linie der Triforien-
galerie durchbrechen und die Höhenbewegung
bis zu dem Fenster des dritten (noch immer
viereckigen) Geschoßes tragen. Letzteres
Fenster korrespondirt schon mit dem im
vierten (achteckigen) Stockwerk, in welches
seine Bekrönung hineinwächst. — Natür-
lich hat der Zwischenpfeiler, der in den
zwei unteren Geschoßen die Fensterpaare
scheidet, im dritten Stockwerk, wo nur noch
ein einziges Fenster, seines Bleibens nicht
mehr. Sobald er an dieses Fenster trifft
(über der Triforiengalerie), löst er sich
von der Hauptmasse und tönt in eine Spitz-
säule aus, während zugleich die Eckstreben
sich zu lichten anfangen, ihre überschüssige
Kraft in zahlreichen Spitzen verflüchtigen
und mit ihrer Hauptmasse in die viel-
gliederigen Strebethürme (von kreuzförmiger
Basis) übergehen, welche nun im vierten
Stockwerck das nach allen Seiten geöffnete
Achteck begleiten und ihre schlanken Fialen
um die Wette mit den Wimpergen der
Achteck-Fenster und den Ausläufern der
acht Ecken des Baues zur Pyramide hinauf-
senden. Diese acht Ecken, die einzigen festen
Theile des Oktogons, stützen als Pfeiler
ebenso viele Helmrippen, welch' letztere das
runde, bald gestreckte itrtb immer gestrecktere
Maßwerk in ihre Mitte nehmen und so
ganz nach Aehnlichkeit von Freiburg den
des ganzen ätherischen Riesenbans würdigen
Abschluß bilden: zwar nicht von so reizen-
der Leichtigkeit wie in Freiburg, dafür aber
von majestätischerer Fülle und größerem
Reichthum des Details.

Dieses obschon magere Gerippe der un-
vergleichlichen Kölner Fassade zeigt uns,
wenn wir es mit den Grundlinien des
Freiburger Anfbans Zusammenhalten, die
enge Verwandtschaft beider in Verjüngung,
Zuspitzung, Durchbrechung der Massen,
Uebergang ins Achteck und überhaupt im
ganzen Gesetz ihres Wachsthnms: eines
Wachsthums in immer gestreckteren Ab-
sätzen (extensiv) und immer steigender Leben-
digkeit (intensiv), in Köln jedoch bei weit
gewaltigeren Massen als in Freiburg und
loading ...