Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 38
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eine ungeschickte Nachbildung derselben von
der Seite könnte so ziemlich so aussehen,
nur daß in dem Relief die Ohren des
fraglichen Löwen sich sträuben, offenbar
znm Zeichen seiner gereizten Stimmung.
Jedenfalls wußte ich mit dem Gethier sonst
nichts anznfangen. Somit, wenn der Leser
auch nichts anznfangen und folglich hoffent-
lich nichts einzuwenden weiß, so haben wir
hier den „brüllenden Löwen, der nmher-
geht, suchend, wen er verschlinge" (I. Petr.
5, 8), und der es offenbar auf den ge-
hörnten Widder-Menschen abgesehen hat,
den das Einhorn vertheidigt. Wie die
eben angeführte Schriftstelle beweist, ist
die Anwendung des Löwen im schlimmen
Sinne, wegen seiner reißenden Wildheit,
nicht weniger biblisch als seine Anwendung
im guten, wegen seiner Herrschaft über
die Thierwelt und beide Bedeutungen stehen
einander so wenig im Weg und verdunkeln
einander so wenig, daß der hl. Augustin
sie znsammennimmt in dem Satze: „Wir
wären alle den Zähnen dieses Löwen (des
Teufels) verfallen, hätte nicht gesiegt der
Löwe vom Stamme Inda." Daß aber
im vorliegenden Fall der König der Thiere
nur im schlimmen Sinn gemeint sein kann,
das zeigt sein Widerpart, das Einhorn
und die gespannte Haltung beider, welche
wenig freundliche Absichten verräth. Auch
hier wieder platzen der gute und der böse
Geist auf einander. Nolles Licht aber
fällt aus die Kampfesscene durch das
Streitobjekt, nämlich durch das eigenartige
gehörnte Menschenantlitz, welches das Ein-
horn in Schutz, der Löwe aber ans's Korn
nimmt. Ich sage eigenartig; denn ob-
wohl es äußerlich dem oben beschriebenen
Kops mit Widderhörnern gleichgestaltet ist
(mit dem nebensächlichen Unterschied, daß
hier die Arme besser charakterisirt sind und
mit den Hörnern sich kreuzen, denen sie
dort parallel lausen), so ist doch hier die
Sachlage eine besondere. Der Widder-
Menschenkopf, welcher dort die böse Macht
bändigt, indem er mit der Linken den
Schwanz des einen Drachen und mit der
Rechten zugleich den Hals des andern
fesselt — hier hält er auch mit der Linken
den Schwanz des einen Drachen (desselben,
dessen Kehle sich in der Umkrallnng seines
Vordermanns befindet), zugleich aber halt
er mit seiner Rechten sich wie znm Schutze

am Vorderbein des Einhorns fest, indem
er so die Kraft zu Kampf und Sieg von
einem Höheren entlehnt. Jener Widder
ist der Drachenbändiger ans und durch
sich selber: dieser nur unter der Aegide
des Einhorns, das ihn mit seinem Leibe
deckt (vgl. Ps. 90, 4). Man könnte ihm
die Aufschrift geben: „Wer unter dem
Schirm des Allerhöchsten wohnt, der bleibt
sicher unter dem Schutz des Gottes des
Himmels" (Ps. 90, 1). Daß der Widder
wie den Erlöser so auch seine Apostel (als
die Beschützer der Heerde) und wie diese
so auch (nach einem ähnlichen Gedanken-
gang wie oben in der Symbolik des Hirschen)
die Christen überhaupt bedeuten kann als
die Kämpfer gegen die Feinde des Heils,
ist keinem Kenner der mystischen Zoologie
unbekannt. „In der Auslegung des 43.
Psalms führt der hl. Ambrosius den Widder
in diesem Sinn an und fordert die Gläubigen
auf, selbst Widder zu werden und in der
Kraft Christi den höllischen Feind nieder-
zuwersen" (Kraus Encykl. 2. Bd. S. 988).
Das der lichtvolle Inhalt unserer letzten
Gruppe.

Sollte trotz so viel Licht ein ängstliches
Gemüth sich darüber seine Bedenken machen,
daß sich nirgends sonst in der mittelalter-
lichen Kunst eine ähnliche Darstellung
finde, dem antworte ich: ob sich eine finde
oder nicht, weiß ich selbst nicht. Ans dem
Alterthnm aber führt Kraus Encykl. I.Bd.
S. 397 f. zwei Beispiele an: das Einhorn
mit dem Löwen kämpfend, dargestellt auf
einem im Kaukasus gefundenen Bronze-
gesäß und eine Kampfesscene desselben
Thiers mit dein von hinten angreifenden
Löwen auf den Mauern von Persepolis,
wo sein Horn nach persischer Lehre die
Macht sinnbildete, welche Ahrimans Herr-
schaft zerstört. Daß übrigens unser primi-
tiver Bildner, primitiv nicht im Denken,
sondern nur in Führung des Meisels, trotz
aller Anhänglichkeit an das Gegebene nicht
der Mann war, bloß die ansgetretenen
Psade zu wandeln, das hat er uns schon
in seinem ersten Widderbilde bewiesen.
Sein Vorwurf war ungewöhnlich, aber
für einen Taufstein äußerst passend. Was
ihm vorschwebte war eine Darstellung des
g e s a m m t e it Werkes der Gnade.
Diese ausznführen, konnten die einfache n
Symbole nicht genügen; eine neue geist-
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