Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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reiche Zusammenstellung derselben mußte
helfen. Sie half wirklich. Die Haupt-
gedanken, welche wir ans dieser Lapidar-
schrist heraus entziffert, nicht hineingelegt,
sind diese:

1. Voll st ändige Niederlage des

Satans: seiner versteckten Bosheit

(Schlange); seiner offenen Wuth (Löwe);
seiner blitzartigen Geschwindigkeit und rohen
Zerstörungssucht (Drache); seines hoch-
strebenden Uebermnths (Vogelhals mit
Flügeln). Solche und ähnliche Unter-
scheidungen find mit den Sinnbildern ver-
wachsen, nicht willkürlich von uns in die-
selben hineingetragen, lim nur zwei Zeug-
nisse anzusühren, eines von den Vätern,
eines ans dem Mittelalter. Augustinus
(Tract. X in Jo.) nennt den Teufel: Ueo
propter apertam iram, draco propter
occultas insidias. Der hl. Bruno von
Asti schreibt (Lentent. V, 2): Tribus
nominibus in hoc loco (lib. Job) vo-
catur diabolus: vocatur belna, i. e.
bestia propter crudelitatem . . . vocatur
et draco qnia callidus et venenosus
est et nunquam recto itinere incedit;
vocatur et avis propter superbiam qnia,
quantum in ipso est, superba intentione
super coelos elevatur. Eine Häufung
der Symbole des Bösen wie auf unserem
Taufstein ist also durchaus keine Tauto-
logie, nicht einmal ein Pleonasmus. Auch
kommt sie oft genug vor. So ist z. B.
am großen Portal von Notre Dame zu
Amiens der Erlöser dargestellt, wie er den
rechten Fuß auf einen Löwen, den linken
auf einen Drachen setzt (Corblet 1862,
S. 92).

2. A l l s e i t i g e r S i e g I e s u C h r i st i
(der korrelate Begriff zum vorigen). Die
Erringung dieses Sieges durch seinen
Opfertod am Kreuz: die Opseridee ist ver-
körpert in dem Menschenbild mit Widder-
hörnern. Die Vollendung dieses Sieges
durch seine Auferstehung von den Todten:
angedeutet durch die sieghafte Erhebung
des Panthers. Die Fortsetzung dieses
Sieges (objektiv) durch die Wirksamkeit
der Apostel: vorgestellt durch den Ver-
nichtungskrieg des Hirschen gegen die
Schlange; er kommt ihr bei durch das
Wasser, durch den Hauch seines Athems
und durch das Wuuderkraut, das ihn gegen
ihr Gift feit: deutliche Sinnbilder der

Taufe, des Eroreismus uitb des Wortes
der Wahrheit, von welch' letzterem der
hl. Bernhard völlig zutreffend für unseren
Tausstein sagt: Sequatur venenum ser-
pentis antidotum veritatis. Die A n -
eignung dieses Sieges (subjektiv) von
Seite des Einzelnen: der Hirsch trinkt
neues Leben aus der Quelle. Ist dies auch
keine besondere Scene auf unserem Tauf-
stein, so ist es doch ein integrirendes Stück
der Sage, woran man sich im Anschauen
des Hirschbildes von selbst erinnerte.
Endlich die B e h a n p t n n g dieses Sieges
durch den fortgesetzten Kampf des Christen
wider das Böse unter dem Beistand der
göttlichen Gnade: das Menschenbild mit
Widderhöruern (Symbol des Kampfes!)
erwehrt sich unter dem Schutze des Ein-
horns siegreich der Angriffe des Feindes.
— Nie ist wohl mit so bescheidenen Mitteln
eine größere Fülle tiefsinniger Gedanken
aus plastisch-greifbare Weise ausgedrückt
worden!

Ueber mittelalterliche lyolzskulp-
turen aus Gberschwaben

von Pfarrer vr. Probst in Essendorf.

Z w e i t e r Artikel.

Zwei Statuen der Dursch'schen Samm-
lung, die jetzt in der Lorenzkapelle in Nottweil
anfbewahrt wird, werden mit Recht von
ihm als besonders beachtenswertst hervor-
gehoben (Nr. 6 und 8 des Katalogs).
Dnrsch äußert sich H darüber so:

„Zwei Figuren, welche sich durch ihre tech-
nische Vollendung auszeichnen und den knnst-
verständigen Beschauer sehr ansprechen. Es sind
weibliche Gestalten, die sich noch vor einigen
Jahren auf dem Dachboden der Kirche in Eris-
kirch am Bvdensee befanden und unter einem
Kreuze gestanden zu sein scheinen (nach Joh. 19,25).
Bei dem Kreuze standen seine Mutier und die
Schwester seiner Mutter, Maria Kleophas und
Maria Magdalena. Wenn diese Frauen gedachter
Darstellung angehörten, so ist zu bedauern, daß
nicht die ganze Gruppe sich erhalten hat. Beide
Figuren sind 4' 8“ hoch. Vergleichen wir diese
Figuren mit einander, so finden wir eine schöne
Abwechslung künstlerischer Vollendung. Die reiche
Bekleidung der einen Figur (Nr. 6) bricht sich
ungezwungen und gefällig in mannigfache Falten
und die Stellung ist mit dem obern Theil des
Leibes etwas vorwärts gebeugt, während die
Stellung der andern Figur (Nr. 8) gerade ist

st Verhandlungen des Vereins für Kunst und
Alterthmn in lllm und Oberschwaben VI. 1849
S. 34.
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