Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 40
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und die Kleidung in sanft geschweiften Linien
mit Vermeidung von scharf gebrochenen Falten
auf die Zehen herabfällt. Das Gesicht dieser
Figur ist stärker aufwärts gerichtet, als das der
andern; sie faltet die Hände, während die andere
die rechte Hand ausstreckt. Die Zeichnung ist bei
beiden Figuren trefflich und der Ausdruck dem
Charakter und der Situation ganz entsprechend.
In beiden Figuren driickt sich ein tiefer Seelen-
schmerz aus, der aber durch edle Resignation,
und Gottergebenheit gemäßigt ist. Der Sammler
hält dieselben für Werke des ausgezeichneten
Bildhauers Friedrich Schramm, Z der in der
zweiten Hälfte des töten Jahrhunderts in Ra-
vensburg arbeitete."

Soweit Dursch. Im Nachtrag zu seiner
Aesthetik (S. 569) spricht er sich ähn-
lich aus.

Bildwerke, denen eine solche Anerken-
nung durch einen so erfahrenen Sachver-
ständigen zu Theil geworden ist, verdienen
an sich schon alle Beachtung und mußten
dieselbe um so mehr aus sich lenken, als
die Untersuchungen über I. Nuß heutzu-
tage in ein Stadium eingetreten sind, wo-
von zu Lebzeiten Durschs noch keine Ahnung
war. Wir ließen deßhalb von diesen beiden
Statuen eine photographische Abbildung
im Maaßstab von 20 cm fertigen, nach
welchen die folgenden blich es gemacht sind.

So war es möglich, genaue Vergleichungen

Z Die Existenz des Friedrich Schramm, die
iu neuester Zeit wieder stark angefochten wurde,
wird durch die Artikel der folgenden Nummern
des „Archiv" außer Zweifel gestellt werden.

mit den Werken des I. Ruß anstellen §n
können. Dieselben führten nun.allerdings

in dieser Beziehung zu keinem positiven
Resultat, ans Gründen, welche in der nach-
folgenden Darstellung sich von selbst nahe
legen werden; wir wurden aber auch von
der Dursch'schen Auffassung um so weiter
abgelenkt, je einläßlicher die Vergleichungen
ausgeführt wurden. Die Hauptpunkte bei
Dursch sind: 1. daß die beiden Figuren
die Frauen unter dem Kreuze darstellen
dürften und 2. daß dieselben dem Ende
des loten Jahrhunderts angehören werden.

Da Dursch offenbar mit seiner vorsichtig
ausgedrückten Auffassung die weitere Unter-
suchung nicht abschneiden, sondern dieselbe
empfehlen wollte, so wird auch unsere ab-
weichende Ansicht, die das gleiche Ziel an-
strebte, auf Nachsicht rechnen dürfen.

Es fällt schwer, diese Figuren so wie
sie charakterisirt sind, bei einer Kreuzigungs-
feene unterzubringen. Die eine Figur (Fr. 6)
ist offenbar in deutlicher ziemlich eiliger
Vorwärtsbewegung begriffen. Man müßte
also annehmen, daß dieselbe etwa einer
andern Person unter dem Kreuze sich nähern
will, vielleicht um sie aufrecht zu halten.
Allein dann müßten auch die Hände und
Arme die entsprechende Haltung haben;
die Hand ist aber nicht ausgestreckt, wie
Dursch sagt, sondern die Finger derselben
sind eingebogen, wie um etwas zu tragen.
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