Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 41
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Auch ist nicht der ganze Arm ausgestreckt,
sondern nur der Vorderarm, nicht aber der
Oberarm. Bei der obigen Unterstellung
müßten aber beide Arme ausgestreckt sein
und überhaupt die Bewegung dieser Glie-
der eine viel kraftvollere sein. Aber auch
die Figur 8 ist nicht so gehalten, daß die-
selbe einer Hilfeleistung sichtlich bedürfen
würde, um sich aufrecht zu erhalten.

Auch die Form der Kopfbedeckung gibt
zu Bedenken Veranlassung. Die Matronen
unter dem Kreuze tragen regelmäßig den
Matronen- resp. Witwenschleier, der eng
anschließt und die Haare ganz verhüllt,
was hier nicht zutrisft. 1) Schwieriger ist
der Gesichtsausdruck zu deuten. Aber nach
unserer wiederholt angestellteu Betrachtung
ist in dem Gesichte der Fig. 8 nicht bloß
Trauer ausgedrückt, sondern auch ein vor-
wurfsvoller Zug gar nicht zu verken-
nen, während die Figur 6 nur einen ge-
wissen Grad von Ernst aber nicht von
Trauer erkennen läßt. Wir möchten des-
halb von der Deutung bei Dursch abgeheu
und dieselben betrachten: als eine kluge
Jungfrau (Fig. 6) und als eine thö-
richte Jungs r a u (Fig. 8). Wir glau-
ben nicht wiederholen zu müssen, daß diese
Auffassung zu dem Charakter der Dar-
stellungen besser passen dürfte. Nur der
Einwand wird zu berücksichtigen sein, daß
von einer Lampe weder bei der einen
noch bei der andern etwas zu sehen ist.
Aber die Figur 6 hat offenbar nach
unserer Auffassung, etwas zu tragen
und zu halten gehabt, was in der halb-
geschlossenen Hand sich befand und lose
darin steckte, ohne aus dem gleichen Stück
Holz wie die Hand geschnitzt zu sein.
Solche Embleme gehen bekanntlich sehr oft
verloren. Die Figur 8 trägt die Hände
gefaltet, kann also nichts gehalten haben.
Das ist aber nicht entscheidend. Die Cha-
rakterisiruug als eine thörichte Jungfrau
im Sinne der Parabel wird ebenso deut-
lich ausgedrückt, wenn dieselbe gar nichts

') Zu vergleichen zwei Abbildungen von schönen
Statuen der schinerzhaften Mutter bei Bode
(Gesch. der deutschen Plastik S. 128, 129 und
195) und in: Gegensatz dazu der Schleier der
klugen und thörichten Jungfrau an dein Frei-
burger Doin (1. c. S. 78 und 79), welche ganz
die ähnliche Ävpsbedecknng tragen, nne die Fi-
guren von Eriskirch.

hat, als wenn sie eine leere Lampe in den
Händen hätte.

Aber auch in der Bestimmung der Zeit
der Entstehung dieser Bildwerke wurden
wir von Dursch abgelenkt.

Wie schon in Artikel I dargelegt wurde,
ist die Behandlung des Faltenwurfs der
Mäntel für die Zeitbestimmung sehr wich-
tig. Die Figur 8, die thörichte Jungfrau,
bietet für diesen Zweck keinen Anhalts-
punkt dar, weil der Mantel, der vorne
offen ist, nicht über den Leib herüberge-
zogen ist, sondern zu beiden Seiten gerade
abfällt, deshalb auch zu keinen Falteu-
bildungen Veranlassung gibt. Um so
wichtiger ist die Figur 6, die kluge Jung-
frau; die Falten deS schief über den
Leib gezogenen Mantels stellen sich voll-
kommen dem Auge dar.

Aber hier bietet fick der interessante
Anblick dar, daß der Meister sich weder
nach den Regeln des 14., noch nach denen
vom Ende des 15. Jahrhunderts richtete.
In der letztgenannten Periode sind die
Falten schwer und tief und mehrfach ge-
brochen. Die Falten des Mantels der
Figur 6 sind weder schwer und tief, noch
gebrochen, auch nicht an ihrem Scheitel
und noch weniger sind sie knitterig. Des-
gleichen weicht die Behandlung der Ge-
wandzipfel ab. Während das 14. Jahr-
hundert das Hauptgewicht des Stoffes und
seiner Falten in diese Region mit Flach-
druck kouzeutrirt hat, sind dieselben
ait der Figur 6 in eine lauge Schrau-
benlinie a u s e i n a n d e r g e z o g e n.
Diese Gewandsäume haben hier zwar mehr
Bedeutung, als ihnen am Ende des 15.
Jahrhunderts beigelegr wird, aber weniger
als im 14. Jahrhundert.

Nun stellt sich die Frage: war diese
Behandlung eine spezifische, persönliche
Eigenthümlichkeit des Meisters, oder lassen
sich Beispiele anführen, daß auch ander-
wärts zu einer gewissen Zeit diese Be-
handlung in Uebung war? Wir glauben
Beispiele, die au Deutlichkeit kaum zu
wünschen übrig lassen, dafür anführen zu
können, daß hier nicht bloß eine rein per-
sönliche Eigenart vorliegt, sondern eine
Behandluugsweise, welche geeignet sein
dürfte, einen gewissen Zeitraum zu charak-
terisireu, nämlich den Anfang des 15.
I a h r h u n d e r t s.
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