Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 43
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Kleinen zum Großen schreiten. Auch Ana-
stasius Grün (Graf Auersperg) und v. Ham-
mer-Purzstall nannte er stets dankerfüllt feine
„irdischen Schutzengel"; letzterer vertraute
ihm die Ausschmückung seiner Kapelle für
das Schloß Hainfeld in Steiermark, eine
Arbeit, durch welche der junge Mann zuerst
den Grund zu seinem nachmaligen ans-
gebreiteten Wirken legte.

In seinen größern kirchlichen Ar-
beiten, mit denen er jetzt begann, schloß
er sich in Betreff der Technik jener Periode
der Glasmalerei an, die das Bild im Fenster
ähnlich einem Gemälde auf Leinwand be-
handelte. Mit Beginn des 16. Jahrhunderts
wird nämlich die Behandlung der Glasmalerei
eine ganz realistische. Es gelingt im Ver-
laufe des Jahrhunderts, alle Farben, auch
Blau, Violett und Grün, in den verschieden-
sten Abstufungen als Malfarben oder Emails
herzustellen. Der Glasmacher ist zudem
jetzt auch im Stande, die Scheiben in größern
Tafeln zu fertigen, als man das im frühern
Mittelalter konnte. So war es möglich, mit
mehrfachen Lokalfarben nebeneinander nicht
nur auf Ueberfanggläsern, sondern auch auf
ein und derselben weißen Scheibe zu malen.
Allein die aufgemalten Farben, besonders das
Roth und Blau, waren keineswegs im Stande,
die alten bunten Hüttengläser mit ihrer Leucht-
kraft und Farbengluth zu ersetzen, vielmehr
erschienen sie trübe und erdig. K. Andrea,
der Kartonzeichner Mittermaiers, scheint den
Fehler und das Mangelhafte dieser Behand-
lung wohl erkannt zu haben, und ihm schwebte
offenbar die Mosaikglasmalerei der
Alten vor, die wir nach Wiederherstellung
des alten Materials heute wieder traktiren
können, wenn er in obengenanntem Nekro-
loge schreibt: „Auch künstlerisch rangen wir
oft mit einander, er war mehr ein Mann
des Fortschrittes, ich wollte ihn in die Bahn
hinein überreden, die das Glasfenster mehr
in bestimmte Schranken zurückweist. Wie die
Wandmalerei zu naturalistisch zu werden sich
bestrebt, so will das Glasbild zu malerisch
werden, jeder Zweig der monumentalen Kunst
will zu wenig dem Ganzen dienen und zu
viel dominireu." Aber auch Mittermaier
scheint es nicht entgangen zu sein, welche
Rolle bei der Glasmalerei die Leuchtkraft
der Farbe spielen sollte, wenn er auch
nicht bis zu dem Grundsätze der Alten vor-
zudringen vermochte, daß bei der Glasmalerei
nicht das Sein, sondern der Schein die
Hauptsache sei. Bei aller Leuchtkraft der
Farbe wollte er doch nicht zugleich der feinsten
Korrektheit in der Zeichnung und der größern
und komplizirteren Figurenkompositionen ent-
behren. Das war zwar — nach den Grund-

sätzen der monumentalen Glasmalerei — des
Guten zu viel, aber doch wieder ein be-
deutender Fortschritt gegenüber dem Verfahren
anderer Anstalten. Durch fortgesetzte chemische
Studien und Versuche gelang es ihm, aller-
dings unter schweren Opfern, eine ganz eigen-
thümliche Manier in der Art und Weife des
Malens zu finden. Ganz neu gegenüber-
andern Glasmalerei-Anstalten rrnd für die
leuchtende Kraft seiner Farben von besonderer
Wirkung war nämlich, wie er mit dem so-
genannten Schwarzloth umging: er hat eS
als Schattirung und Licht angewendet, in-
dem er mit der Radel und Holz radirte.
Er erreichte dadurch einerseits die so vol-
lendete Plastik seiner Figuren, andererseits
erzielte er eine viel höhere Lichtwirknng, als
wir sie in andern gleichzeitigen Glasgcmälden
sehen, denn seine sehr stark aufgeschmolzenen
Tinten erhielten dadurch eine so große Kraft
und Energie, so daß z. B. die Fleischtöne
selbst gegenüber der bunten Mosaik der Kleider
ihre volle Wirkung nicht versagen. Um all
das zu bewirken, bereitete er sich selbst alle
Farben und Flüsse, konstruirte selbst seine
Brennöfen und erfand sogar neue Pigmente,
besonders ein wunderschönes Tiefblau imb
Abstufungen des Fleischtones u. s. w.

Von nicht geringem Vortheile für das
künstlerische Schassen Mittermaiers war es
auch, daß er für seine Anstalt meistens aus-
gezeichnete Kartonzeichner fand. Einer der
besten derselben, der ihm zugleich auch die
größte Anzahl lieferte, war der bekannte und
schon genannte Dresdener Historienmaler-
Karl Andreä (geb. 1824 zu Mühlheim
am Rhein), ein Enkel der bekannten pro-
testantischen Theologen Jakob und Johann
Valentin Andreä. Karl Andreä schrieb nach
dem Tode des Meisters, wie bereits bemerkt,
selbst einen kürzern Nekrolog in das „Geist-
liche Kunstblatt", und wir wollen hier die
interessante Stelle heransheben, welche sein
persönliches Bekanntwerden mit Mittermaier
schildert und die zugleich ein so charakteristisches
Licht ans den eigenartig angelegten Mann
wirft.

Es sind kaum fünf Jahre, schreibt er, als
Herr Direktor Schnorr von Carolsfeld einen
an ihn gelangten Auftrag, den Karton zu
einem Glasfenster, auf den Unterzeichneten
übertrug. Die Bestellung war von Laningen
in Bayern gekommen, einein uns fast unbe-
kannten Orte, und von einen: dortigen Glas-
maler Herrn Mittermaier, der uns ebenso
fremd war. Gegenstand der Vorstellung war-
en: segnender Heiland, überlebensgroß. Ver-
langend nach Aufträgen solcher Art, ging ich
rüstig ans Werk und bald reiste die Zeich-
nung hin zu dem mir unbekannten Ziele.
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