Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 44
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Umgehend erschien mit der Bezahlung, in
nengeprägten bayerischen Thalern, ein höchst
anziehender Brief. Zuerst war es die cha-
rakteristische Handschrift, dann die Lebendig-
keit und Originalität des Ausdrucks und
zuletzt ein neuer Auftrag, was den ersten
direkten Brief unvergeßlich machte.

Und so ging es fort, und aus lebhaftester
Korrespondenz, die neben Dank und Lob
auch offene, ja herbe Kritik der eingesandten
Arbeiten enthielt, bald auch ganz persönliche
Dinge besprach, die heitersten und ernstesten
Verse einmischte, mit häufigen Illustrationen
belebt war und oft in langen, sich rasch
folgenden Briefen künstlerische Streitfragen
durcharbeitete, häufig als Geleitsschreiben
einer Rolle hellklingender Münze beigegeben
war, enttvickelte sich eine herzliche Freundschaft.

Gesehen hatten wir uns nie und nach
zweijähriger Verbindung wurden doch bereits
die Briefe mit dem Poststempel Lauingen von
den Kindern des Hauses jubelnd ins Atelier
gebracht, weil sie wußten, wie sehr der Papa
durch sie erfreut werde. Mich dünkte zu-
weilen, da ich nie eine seiner Arbeiten ge-
sehen und gar nicht wußte, ob wirklich seine Be-
handlungsweise dem, was ich wünschen möchte,
entspreche, eine wahrhaft künstlerische sei.

Da, an einem schönen Sommerabend, auf
dem Weg von einer Eisenbahnstation nahe
Wesel dem Rheine zuschreitend, um vor flacht
Rees und andern Tags die an den merk-
würdigsten Kunstschätzen reichen Orte Kalkar
und Xanten aufzusuchen, zieht mich ein alters-
grauer Kirchthurm an, der jenseits eines
Dammes ans wuchtiger Ulmengruppe heraus-
ragte. (Schluß folgt.)

Erklärung

in Sachen des Bildhauers Jakob Ruß
von Ravensburg.

Im „Archiv für christliche Kunst" 1888 Nr. 12,
2. 116, hatte ich int Widerspruch gegen Herrn
Amtsrichter a. D. P. Beck in Ravensburg,
welcher im „Diözefan-Archiv von Schwaben" 1887
Nr. 11, S. 84, die schönen Steinskulptnren im
Tympanon des Westportales der oberen Stadt-
pfarrkirche in Ravensburg vermutungsweise dem
Bildhauer Jakob Ruß zuschrieb, für gegen
hundert Jahre älter erklärt. Zu seiner Bertei-
digung beruft sich Herr Amtsrichter Beck in
letztgenannter Zeitschrift 1889 Nr. 2, S. 10,
Anm., auf die neueste Schrift über „Württem-
bergs kirchliche Kunstaltertümer von Professor
Dr. Keppler" (S. 266), „welche diese Marien-
seenen gleichfalls in den Anfang des 15. Jahr-
hunderts setzt." Ich erwidere: die Kunst-
thätigkeit des Jakob Ruß ist, wie auch Herrn
Beck bekannt, urkundlich für die Jahre 1482 bis
1497 festgestellt. Setzt man, meiner Limitierung
„gegen 100 Jahre älter" entsprechend etwa der

Zahl 1397 auch nur wenige Jahre hinzu, so
steht man ja im Anfang des 15. Jahrhunderts!
Herr Beck hat demnach einen am Ende des
15. Jahrhunderts lebenden Bildhauer als den
Schöpfer von Skulpturen ans dem Anfang
des Jahrhunderts vermutet und zu seinem Schutze
das Prof. Keppler'sche Buch citiert, welches diese
Bildwerke dem Anfänge, nicht dem Ende des
15. Jahrhunderts zuweist. Er hat also augen-
fällig nicht, wie er wollte, für sich, sondern
gegen sich rmd für mich plaidirt. Eine Ver-
gleichung der Tympanonskulptnren in Ravens-
burg mit den urkundlich beglaubigten Arbeiten
des Ruß in Chur und Ueberlingen, nur besten
an Ort und Stelle, oder auch nur mit Hilfe
guter Photographien, wird Herrn Beck belehren,
daß für die Ravensburger Skulpturen die Ur-
heberschaft des Ruß nicht einmal — „vermuthet"
kverden darf.

Bavendorf. Pfr. K. A. Busl.

Literatur.

Glas-Malereien des M i t t e l -
alters und der Renaissance.
Original-Aufnahmen von H. Kolb,
Professor an der Königlichen Kunst-
gewerbeschule in Stuttgart. Stutt-
gart, Wittwer. Heft 6 n. 7 n 10 M.

Jemehr gerade in der Gegenwart allüberall
Werth darauf gelegt wird, das gewöhnliche Fenster-
werk der Kirchen mit Glasmalereien, wären es
auch nur ornamentale, zu vertauschen, desto nach-
drücklicher muß auf Nachahmung der alten Muster
gedrungen werden, lieber das obige Werk, welches
eine ebenso geschmackvoll als praktisch angeord-
nete Schaustellung des Besten auf diesem Oiebiet
veranstaltet, haben wir schon mehrfach berichtet;
angesichts der weiteren Lieferungen müssen wir
nur die frühere Empfehlung nachdrücklich wieder -
holen und können keinen bessern Rath geben, als
bei Bestellungen von Glasgemälden sich an diese
Muster zu halten. Bon hervorragender Wichtig-
keit und Schönheit ist in Heft 6 das Fenster ans
dem Münster in Freiburg aus dem 14. Jahr-
hundert, mit einem Madonnen- und einem Kreu-
zignngsbild in seiner architektonischer Berahmnng,
zart in den Farben, trefflich int Aufbau, hoch-
feierlich im Figürlichen. Sehr interessant sind
ans der Uebergangszeit das Ornamentenfenster
ans der Predigerkirche in Erfurt mit Blatt- und
Bandmotiven und Rosettchen im Maßwerk, ferner
das schlichte Figurenfenster aus dem Straßburger
Münster. Nachahmenswerth in hohem Grad sind
die Fenster aus der Stadtpfarrkirche zu Steyr
mit aus geometrischen Figuren und Blatt- und
Blumenwerk gewobenen Teppichen (14. Jahrh.)
und die Rosette des Freiburger Münsters (15.
Jahrh.), so einfach und maßhaltend in der Or-
namentik und so herrlich in der Wirkung. Heft
7 bringt einen Juwel der Renaissance-Glasmale-
rei: eine Madonna von Francesco Cossa aus
Ferrara im Kunstgewerbemuseum zu München
von wunderbarer Zeichnung und noch wunder-
barerem Kolorit.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt -Ges. „Deutsches Bolksblatt".
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