Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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die württeinbergischcn Jahrbücher H aus seiner
Sammlung neben Glas- und Oelgemäldcn auch
„Holzschnitzbilder vom Jahre 1480" anfführcn,
so sind es wohl dieselben, welche zwei Jahre
später Finanzrath Eser nähcrhin als „Arbeiten
in Holz von Friedrich Schramm 1480"
bezeichnet?) Ohne Zweifel stand Herr Professor
Hirscher mit Herrn von Herrich in Geschäftsver-
bindung; hat er ja nachweislich namentlich ans
dem Oberland alte Kunstwerke gesammelt und
war selbst ein Oberländer, gebürtig von Alter-
gaten, Gemeinde Bodnegg, Oberamts Ravensburg.

Nun besaß Hirscher vor dem Jahre 1845
eine ausgezeichnete Holzsknlptnr „Mariä
Schutz", betreffs welcher Dekan Dorsch in
Rottweil folgende, höchst willkommene und
wichtige Nachricht gibt;* 2 3 4) „An dem Hochaltar
in der Pfarrkirche zu Ravensburg war einst
zu lesen: „„Diese Tafel hat Meister Friedrich
Schramm geschnitten und Meister Christof
Kelltenofer gemalt und gefaßt 1480."" Von
diesem Altar erwarb Professor v. Hirscher die
ausgezeichnet schöne Madonna, die Beschütze-
rin der Sünder, die ans dessen Besitz nun nach
Berlin gewandert ist." Hienach ist diese Inschrift
entweder irgendwo am Altarschrein, oder an
dem Sockel der Madonnenstatue, wie in
Chur?) angebracht gewesen; jedenfalls bezieht
sich ihr Wortlaut aus das ganze Werk.
Hirscher erwarb tion dem Altar, sei es uu-
mittelbar, sei es mittelbar, letzteren Falles
mit Rücksicht ans die oben beigebrachten Nach-
richten am wahrscheinlichsten von Herrn v.
Herrich, die Madonna unb erhielt dazu die
Inschrift im Original oder wenigstens in Ab-
schrift, welche, in der Folge im Original leider
verloren gegangen, durch Dnrsch in ihrem
Wortlaut (er gebraucht Anführungszeichen)
uns überliefert worden ist. Die erste ge-
druckte Nachricht über die Madonna gaben
Grüneisen und Manch,5 6) dann Nagler3) und,
auf sie fußeud, die verschiedenen Handbücher
über Kunstgeschichte?) Erstere sagen: Hirscher
besitzt „ein mit schöner, frommer Innigkeit
des Antlitzes, reiner Grazie der Gestalt und
würdiger Faltung des Gewandes versehenes
Madonnenbild von dem Bildhauer Schramm

S. Verhandlg. f. Kunst u. Alterthum iu Ulm n.
Oberschwabcn. Zweiter Bericht 1844. S. 29 fl.

1) Jahrgang 1841, S. 166.

2) Verhandlungen f. K. n. A. in Ulm u.
Oberschw., 1. Bericht 1843, S. 30, wo auch noch
Gemälde verschiedener alter Meister anfgeführt
werden. (Vortrag Escrs vom 6. März 1842.)

3) In den „Nachträgen zu seiner Aesthetik der
christlichen bitd Kunst". Tübingen, 1856. S. 569.

*) Archiv f. christl. Kunst, 1888, Nr. 9, S. 85.

b) Ulms Kunstleben im Mittelalter, 1840,
S. 64.

6) Künstlerlexikon (1846), Band XVI, S. 5 fl.

7) U. a. Liibke, Gesch. der Plastik, 2. Ausl.,
S. 604.

in Ravensburg aus der dortigen katholischen
Stadtpfarrkirche voin Jahre 1487".

Es entsteht die Frage: Gab es in frag-
licher Zeit Künstler in Schwaben, näherhin
in Ravensburg mit dem Namen Schramm
unb Keltenofen?

Der Name Schranun ist bis jetzt in Ravens-
burg erst für das Jahr 1566 festgestellt, iit
welchem ein Anton Schramm im evangelische!:
Taufbuch vorkommt. Dagegen erscheint in den
städtischen Steuerbüchern zweimal ein Bildhauer
Friedrich, in der Stadt beim Oberthor wohnend;
das erstemal als „M. Fridrich bildhower fry"
im Jahre 1505—1506, H das zwcitemal im
Jahre 15152) als „Friderich bildhoiver" ohne
weiteren Zusatz, also beidemale steuerfrei. Das
„M." ist als „Meister" zu deuten. Im Mittel-
alter Ivurden die Künstler bekanntlich sehr häufig
mit diesem Titel und ihrem Vornamen unter
Hinweglassung des Familiennamens bezeichnet.
So wird in Ravensburg selbst ein „maister haus,
gloggengießer" im Bürgeransnahmebnch im Jahre
1380?) im Jahre 1484 „maister jakob, bildhoiver"
(der berühmte Ruß)?) im Jahre 1522 und noch
öfter „der stcinmetz M. Hans" anfgeführt?)
Vorname und Bezeichnung des Berufes stimmen
demitach mit der Inschrift bei Dnrsch, weshalb
man wenigstens vermnthen darf, der „Meister
Friedrich Schramm" der Inschrift und der
„Meister Friedrich, Bildhauer" der Steuerbücher
sei ein und dieselbe Person; dies um so mehr,
als der Name Friedrich als Familienname in
den Biirgeraufnahmebiichern gar nicht und als
Tanfname selten vorkommt und die Jahreszahlen
die Konjektur nicht unmöglich machen?) Diese
wird aber ganz wesentlich unterstützt durch den
zweiten in der Inschrift genannten Künstlernamen
Christof Keltenofen, da dieser um dieselbe
Zeit wie der des „Meister Friedrich" voll und
ganz urkundlich nachweisbar ist. In der näm-

') Stadtarchiv; Steuerliste 1505—1506, S. 46.

2) Steuerliste 1515, S. 17. Nach meinen
jüngst angestellten Untersuchungen der Stenerlisten
bedeuten deren Ueberschrift: „in der Stadt Ober-
thor", „im Pfarrhof", „im Spital", „im Unter-
thor" u. s. w. nicht nur diese Gebäude selbst, sondern
and) die Häusergruppen um sie herum. Hienach
ist die Vermuthung in meiner Abhandlung über
den Bildhauer Jakob Ruß von Ravensburg
(Archiv f. christl. Kunst, 1888, Nr. 8, S. 77)
zu berichtigen.

8) Nach Hafner a. a. O. S. 160.

4) Archiv f. christl. Kunst, 1888, Nr. 8, S. 77.

H Hieß mit dem Familiennamen „Ander"
(Biirgcranfnahme-Bnch 1522, S. 209), kommt
sonst meist nur mit dem Vornamen vor. —
Solche Beispiele ließen sich leicht vermehren.

6) S. P. Beck, Diözesan-Archiv v. Schwaben
1887, Nr. 10, S. 78. Daß Friedrich 1507 bis
1514 nicht mehr genannt wird, rührt wohl nicht,
wie Beck meint, von zeitweiliger Ortsabwesenheit
her, sondern in erster Linie voin Verlust der
Steuerbücher ans diesen Jahren. Nur wenn wir
sie noch besäßen und sein Name dort nicht ge-
nannt würde, dürfte man mit größerer Sicher-
heit Ortsabwesenheit annehmen.
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