Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 72
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ein Eisenkreuz mit Doppelbalken, neben
welchem eine kleine, seitwärts gebogene
Eisenröhre den Ratlch aus dem Innern
nach außen leitet; das Thnrmchen trägt
die Jahrzahl 1671. Ein reicheres noch
gothisches steht nach uns zngegangenen
Nachrichten aus dem alten Kirchhof in
Schaidt in der Pfalz mit der Jahrzahl 1482.

Gute Vorlagen werden am meisten dazu
beitragen, diese schöne Sitte wieder bei uns
einznbnrgern. Unsere Beilage zeigt viererlei
Lösungen des Problems, wie für einzelne
Gräber Grabstein, Lichtnische und Schrift-
tafel kombiniert werden können; sie stammen
von Herrn Architekt Endes in Stuttgart.
Sollte ein derartiges schlankes Thnrmchen,
das eine vernünftige Funktion hat, nicht
den Vorzug verdienen vor den gewöhnlichen
blöckischen Steinmonumenten? Wahrlich
ein Kirchhof mit feindnrchbrochenen schmiede-
eisernen Kreuzen und einer Anzahl der-
artiger Lichtthürmchen müßte einen andern.
Anblick bieten als die Steinwüsten unserer
jetzigen Friedhöfe!

Literatur.

Der Dom ztt Köln, seine logisch-
mathemathische Gesetzmäßigkeit von
lür. Frz. £av. Pfeiffer, Lyceal-
Professor in Dillingen. Köln, Boi-
seree 1888. gr. 8'; 52 S. 1 M.

Mit diesem, in höchst bescheidener Ausstattung
in die Welt ziehenden Merkchen — es hat an
Illustration nur einen Grundriß im Maß von
1 : 1000 — unternimmt Di-. Pfeiffer einen neuen
Vorstoß gegen den festen Ringwall, der sich schon
feit langem um das Geheimnis der Architeklnr
hütend gelagert hat. Unabhängig von und fast
gleichzeitig (cfr. letzte Anmerkung S. 52) mit
P. Wolffs geometrisch-konstruktivem „Tempel von
Jerusalem", hat unser Verfasser, durchgehends
auf die Analyse sich beschränkend, ein treffliches
algebraisch-geometrisches Seitenstück geliefert und
darf gleich diesem einen großen Erfolg verzeichnen.

Schon im Jahre 1869 hat A. Zeising darauf
aufmerksam gemacht, wie so manche Maße am
Kölner Donr im Verhältnis des goldenen Schnittes
zu einander stehen, aber der Wink fand keine
weitere Beachtung und liefere Ausnutzung, bis
jetzt Di-. Pfeiffer den Gedanken wieder anfgriff
und so glücklich war, durch Auffindung des ge-
meinsamen Normal-Maßes fast alle Verhältnisse
in eine einheitliche Formel unterzubringen, eben
in der Proportion des goldenen Schnittes. In
der Mitte der Vierung stehend und überwältigt
von dem Eindruck des grandiosen Gebildes von
Menschenhand „kam ihm plötzlich die Idee", der
Diagonalabstand der Vierungspfeiler dürfte das
Grnudmaß bergen, und zu diesem ersten Gedanken
trat ein zweiter, der allerdings nur einem Mathe-

matiker von Fach beikommen konnte, nämlich
dieses Nornialmaß der Einwirkung des Exponenten
vom goldenen Schnitt zu unterstellen, und der
Erfolg war in fallender und steigender Reihe ein
durchschlagender. Denn beherrscht von dem Ver-
hältniß des inajor — von oder zn 1, d. h.
1 : 0,618033 oder 1,618033 : 1 und deren Steige-
rung bis zur 4. Potenz, verjüngt sich jeder Dia-
gonalabstand (21 m) bis zur Kürze von 3,063,
der Diagonale des Svckeldnrchmessers der Vie-
rnngspfeiler und streckt sich unigekehrt bis zur
Weite von 143,935 in, in runder Zahl der
Längcnachse des ganzen Domes mit 144 in; ja
selbst — durch eine kleine Modifikation — bis
zur Weite von 150,912 in, der Höhe der Türme,
die sich zu 157 in bemessen. Der Prozeß setzt
sich auch ebenso im inneren Vertikal-Aufban der
Säulen, Trisvriengallerie und Gnrtbögen fort.
Selbst wo aus technisch-praktischen Gründen das
Grnudmaß verlassen und ein neues genommen
werden mußte, gerieth auch dieses sofort derartig
in den Baun des proportionalen Geistes, der
alles durchweht, daß es sich alsbald daneben ein
Correlat geschaffen hat.

Dieses wandelt der Verfasser in seines Merk-
chens 1. Teile ans 29 Seiten ab. Rastlos treibt
er den Leser über die Thälchen und Hügel von
Major- und Minor-Exponeuten, und vergebens
wie Noa's Taube schaut man nach etwas, >vie
einem historischen Datum und dgl., um darauf
ein wenig den Fuß zur Ruhe zu setzen. Indessen
sind doch die Anforderungen an mathematische
Kenntnisse gar nicht hoch; jeder der noch poten-
zieren und radizieren kann, ist im Stande, sofort
den Verfasser in allem genau zu kontrollieren;
in lobenswert herablassender Weise entwickelt er
seine Operationen eingehend vor unfern Augen.
Diese rechnende Methode hat gegenüber der kon-
struktiven manche Vorzüge; sie ist exakter in
ihren Resultaten und zwingender in ihrer Be-
weisführung; man ist auch recht bald damit ver-
trant. Dennoch ist wahrscheinlicher, daß der
Gründer des erhabenen Bauwerks geometrische
Maßverhältnisse zu Grunde legte und davon den
Ansgang nahm. Gelingt es dem Herrn Verfasser,
auch diese noch uns vorzuführen, so sind alle
Wünsche befriedigt und eine brennende Frage hat
eine glückliche Lösung gefunden. Ans Mittheilnngcu
des Hrn. Verfassers entnehmen wir, daß das Merk-
chen demnächst eine neue Auflage erleben wird, ein
Erfolg, zu welchem wir ihn freudig beglückwünschen.

Oedheim. Kaplan Schwager.

Ankündigung.

Herr Kaufmann Rudolf Engter in Stuttgart
hat in seinem Geschäfts-Etablissement am Feuer-
see im Monat Juni eine permanente Aus-
stellung von Arbeiten kirchlicher Knust, verbunden
mit Verkauf zu Originalpreisen, eröffnet. Indem
wir einstweilen dieselbe der Beachtung empfehlen,
behalten wir uns vor, auf das Unternehmen in
diesem Blatt zurückzukommen.

Hiezu zwei Beilagen: i) Todtenleuchte»; 2)
Permanente Ausstellung von Arbeiten kirchlicher
Knitft, verbunden mit verkauf Rothebühlftr. 77, I
(Rudolf Sngler), Stuttgart, betreffend.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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