Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 73
DOI Heft: 10.11588/diglit.15865.45
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15865.46
DOI Seite: 10.11588/diglit.15865#0077
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1889/0077
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Archiv für christliche Kunst.

Grgan des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Lr. 8.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die ivürttemb. (M. J. 90
im Stuttg. Bcstellbczirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstaitcn,
fl. l. 27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags
direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, llrbansstraßc 9*4,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Deutschlands Riesenthürine.

Von Stadtpfr. Ena. Keppler in Frendenstadt.

(Fortsetzung.)

Alls der ungewöhnlichen Sorgfalt, welche
die Erbauer anwendeten, um das gewal-
tige Glockengestühl durchaus auf eigene
Füße zu stellen und von jeder Berührung
mit den Außenwänden fernzuhalten, hat
man geschlossen, daß der luftige Bau von
Anfang an sich der durch das Geläute
hervorgebrachten Erschütterung nicht ge-
wachsen genug erwiesen habe. (Vgl. Piton
S. 71.) Demnach wäre jenes leidige Ver-
bindungswerk eher als ein nothwendiges
Nebel zu bedauern, denn als Ausgeburt
eines sich selbst überbietenden, die Ansprüche
ins Kolossale steigernden Hochmuths, wie
es vielfach geschehen ist, zu verurtheileu.
Noch sind im Innern des dritten Thurm-
geschosses unmittelbar über den obersten
Durchbrechungen die hervorragenden Trag-
steine für das Schlnßgewölbe sichtbar, über
welchem der Helm hätte aufsteigen müssen,
wenn die Thürme getrennt geblieben wären.
Nachdem sie verbunden waren und nun das
ganze Werk in einer riesigen Plattform
endigte, war der pyramidale Abschluß, wo
er ursprünglich beabsichtigt war, unmög-
lich geworden und auf der neugewonnenen
Basis stieg nun ein neuer Thurm, ohne
strenge Verbindung mit den: untern, un-
verhältnißmäßig in die Höhe. Da ist man
denn — das geschah vom Jahre 1386 ab,
wahrscheinlich unter den beiden Junkherrn
von Prag, während das Verbindungswerk
wohl von jenem Meister aus Schwaben
ausgeführt wordeu, den die Reimchronik,
aber an Unrechter Stelle, erwähnt und für
den nach Meister Hültz von Köln dem
Erbauer der Pyramide kein Platz mehr
ist — da ist man, aus der Noth eine
Tugend machend, nach Specklins Ausdruck
„lustig auf die vier Schnecken losgesahren".
(Görres S. 43.) Diese sechseckigen ganz

durchsichtigen Treppenthürme umstehen frei
nach den vier Eckseiten des Thnrmes hin
das Oktogon, wachsen zu gleicher Höhe
mit letzterem hinan und zuletzt durch eine
Gallerie lose mit ihm zusammen: ein Auf-
bau, der zu seinen Ungunsten gar wesent-
lich abweicht von dem Uebergang ins Acht-
eck, wie er sich in Köln und Freiburg
bewerkstelligt, wo bekanntlich die Fialen-
thürme in der Wurzel mit dem Oktogon
verwachsen sind, in halber Höhe aber sich
von ihm lösen und indem sie sich verflüch-
tigen , dasselbe frei geben. Hier, in
Straßburg, tritt die achteckige Form erst
in den acht Helmkanten frei hervor, die
sich auf dem achteckigen Bau unvermittelt,
wie dieser aus seiner Unterlage, aufsetzeu
und, anstatt in eine Spitze auszulaufen,
plötzlich abbrechend eine kleine Plattform
tragen. Als letzter Trieb des merkwür-
digen Baues, der immer noch steigen will,
obschon er nimmer kann, und bei dessen
Steigen die Kunst immer tiefer sinkt, als
letzter Trieb entsprießt der vorbenannten
Plattform ans sehr verengerter Basis noch
ein Stamm, der eine Centraltreppe enthält
und in eine äußerst kühne oberste Platt-
form sich ausweitet, welche die Grundlage
zu der viereckigen in eine Spitze auslau-
fenden Laterne bildet. Der schon er-
wähnte Mangel an Uebergängen giebt dem
Ganzen den Charakter des Abgebrochenen,
Uilvollendetei:; die starren wie ans
Sparrenwerk zusammengesetzten Treppen-
thürme, die das Achteck ohne irgend eine or-
ganische Verbindung umstehen, lassen eS
wie ein Steingerüst erscheinen; was aber
vollends gegenüber der schönen Vollendung
unserer vier anderen Thurmpyramiden den
Eindruck des Ruinenhafteu macht, das ist
das staffelförmige Aufsteigen der acht
Kanten, welche nicht wie bei den übrigen
Helmen acht Gräten darstellen, sondern
durch sechs hinter- und übereinander auf-
loading ...