Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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steigende, oben abgeplattete Thnrmchen ge-
bildet werden, durch deren durchbrochenes
Innere man (abwechselnd bald nach rechts
bald nach links sich wendend) rasch zum
Fuß der Laterne gelangt. Wären diese
Thnrmchen nicht abgeplattet, sondern, wie
projektiert, mit Spitzpyramiden abge-
schlossen, so wären die Umrißlinien weit
weicher und gefälliger. Auch läßt die
Detailzeichnung die Viollet-Le-Duc hebend.
S. 443) von der Pyramide, wie sie hätte
werden sollen ■— theils aus den keim-
artigen Anfängen des jetzigen Baues
heraus, teils nach Andeutungen eines
alten Planes entwirft — in ihrer Ueber-
fülle von Zierat dieselbe kaum wieder er-
kennen und stimmt so ganz zu seinem
Urteil, „die Straßburger Pyramide sei
eines der geistvollsten Werke der Spät-
gothik, aber ein in der Ausführung zu
kurz gekommenes". (Ebend. S. 441.)
Nur ist die Frage, ob solch erdrückender
Neichthnm für den Gesammteindruck för-
derlich gewesen wäre? Vielmehr ist es
keine Frage, daß die unzähligen Einzel-
heiten dem Betrachter am Fuß des Ge-
bäudes als ein unentwirrbares Gewimmel
erscheinen müßten. Einfach-klare Linien
sind die einzig richtigen, um einen Bau
wirksam am blauen Himmelsgrund abzu-
zeichnen. Auch hat Meister Hültz z. B.
die pyramidalen Abschlüsse der vier
„Schnecken" nicht darum weggelassen, weil
das Geld fehlte (so weit hätte es wohl
noch gereicht!), sondern weil er fürchtete,
der fünfthnrmige Hauptschmnck möchte dem
Riesen nicht gut zu Gesicht stehen. Die
vier kleinen Pyramiden hätten der großen,
weil der Spindel zu nahe gerückt, nur
geschadet. Durch mehr Detail würden
überhaupt die mit der Zeit in das Werk
eingedrnngenen Answüchse und Verkün-
stelungen nur desto auffälliger. Das
Mißverhältniß zwischen dem Bischen Breite
und der Riesenhöhe zu einem recht schrei-
enden zu machen, brauchte man nur das
Thürmepaar auszubauen! Es wäre das
eine ganz übel verstandene Symmetrie,
durch die alle Harmonie gründlich todt-
geschlagen würde!

Ja, dieses unvollendete und ungleich-
artige Gebäude ist in seiner Art sogar
h a r m o n i s ch. Ist der Eindruck, den du
von einer malerischen Ruine erhältst, viel-

leicht kein harmonischer, weil sie unvoll-
endet ist? Eine Ruine ist deshalb so
malerisch, weil sie das gemeinsame Erzeug-
nis; der Menschenhand und der Natur ist.
Hüte dich, sie auszubauen! Du kannst
sie nur ruinieren, sie erträgt — und so
auch die Straßburger Fassade — keinen
Ausbau, außer den durch die Phantasie.
Gerade die Vollender des Nordthurms
(dieses in seiner obersten Hälfte nach
Kühnheit des Aufbaus und Meisterschaft
der Steinmetzarbeit beispiellosen Werkes)
sie dachten am wenigsten daran, daß ihm
ein Genosse je gegeben werden sollte oder
auch nur könnte. Durch seine Einzigkeit
sollte er imponieren! Was aber die Un-
gleichartigkeit der Theile anbelangt, so
kann man sich an derselben hier deswegen
nicht stoßen, weil sie nicht willkürlich,
sondern der naturgemäße Ausdruck der
verschiedenen Zeitläufte und Kunstrich-
tungen ist, die alle sowie sie aufeinander
folgten, sich dem Werke eingeprägt haben:
ähnlich den Blitzen, die es durchfurchten.
In dieser Reihenfolge liegt das Versöh-
nende bei diesem Bau, den Görres deshalb
bezeichnend ein Stück Weltgeschichte nennt,
„in Stein ausgeschrieben und kunstgerecht
je nach Epochen in Bücher eingetheilt".

All das Unebene aber und das Unfer-
tige verschmilzt vortrefflich zur Wirkung
des Erhabenen. Die Repräsentanten
großer Kulturepochen sind erhaben. Ein
riesiges trümmerhastes Gebäude, an dem
das Organische nicht völlig gesiegt zu
haben scheint über das Unorganische, macht
einen erhabenen Eindruck. Kommt dazu
noch eine ungewöhnliche, phantastische Ge-
stalt wie in Straßburg — die zum Him-
mel weisende Riesenhand! — so kann diese
den Eindruck des Erhabenen nur steigern.
Aber auch die Anmut des untern (Erwin-
schen) Werkes streitet mit der Kühnheit
des obern, also mit der Erhabenheit nicht.
Dies anmutige Leben von unten erhebt
sich ja vollständig zum Charakter der
Würde: das Würdevolle aber ist

dem Erhabenen schon verwandt! Daher
trotz der Uneinheitlichkeit des Baues der
„eine, ganze, große Eindruck", der sich (nach
Göthe) „wohl schmecken und genießen,
keineswegs aber erkennen und erklären
läßt". Wir suchten auch nicht den Ein-
druck selbst zu erklären und zu erkennen.
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