Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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T r a v e e. Hier sehen wir zunächst
in einem der Schildfelder die Dornen-
krönung mit alttestamentlichen Vorbildern
dargestellt. Die Komposition ist reich an
Figuren und gewandt und klar angeordnet.
In der Mitte der Scene der Heiland mit
rothem Mantel, auf einer Bank sitzend, das
schmerzende Haupt, über dem sich die Stäbe
der Quäler kreuzen, um die Dornenkrone
einzudrücken, zur Seite geneigt; Wnth und
Spott der Soldaten tritt ziemlich ge-
mäßigt auf; rechts in der Ecke kniet der
Stifter des Bildes mit seinem Patron, dem
Ev. Johannes. Links schließt sich, nur
durch eine Säule abgetrennt, ein alttesta-
mentliches Vorbild an: Apemen, die Con-
cnbine des Darins, nimmt diesem die
Krone vom Haupt und holt mit der an-
dern Hand zum Schlag ans (Esdr. 3, 4).
Die zwei andern Vorbilder sind: David
von Semei verhöhnt (II Reg. 16) und
die Gesandten Davids vom König der
Ammoniter verspottet (II Reg. 10). Das
zweite Hanptbild ist die Kreuztragung, bei
welcher für den Heiland mit Geschick ein
größerer freier Raum ansgespart ist, da-
mit seine einherwankende Gestalt das Bild
beherrschen und ihren mitleiderregenden
Eindruck üben kann; überaus rührend und
lieblich ist der hinter Simon und den
Soldaten in Schmerz und Harm daher-
wallende Franenzug, angeführt von Maria
und Johannes. Nebenbilder sind der das
Holz tragende Isaak, die Weinbergspächter,
welche den Sohn des Herrn tobten, und
die Kundschafter mit der Weintraube. In
derselben Travee noch eine ergreifende
Pieta mit dem Stifter und der hl. Ka-
tharina , einer lieblichen Gestalt von gra-
ziöser Haltung, und ein St. Michael als
Seelenwäger. Unter diesem Bilde steht:
Jacobus Sunter pinxit. Damit ist der
Name eines der bedeutendsten Maler des
Krenzgangs gefunden, dem durch Verglei-
chung noch manche Bilder desselben znge-
wiesen werden können; seine Schulung
nnb Richtung besprechen wir besser am
Schlüsse. Die vorgeführten Gemälde hat
er ca. 1462 (Todesjahr des Stifters der-
selben) ausgeführt. H

E Den alttestamentlichen Vorbildern sind zur
Erklärung immer längere Kommentare beigeschrie-
ben, welche nicht nur den Vorgang citiren, son-
dern mit) dessen typologische Beziehungen atl-

Das dritte System trifft in das Eck,
welches Süd- und Westflügel verbindet.
Ein Ecce-homo- und ein Krenzignngsbild
fällt besonders in die Augen; ans ersterem
der Heiland mit Pilatus unter offener
Bogenhalle, hoch über dem tobenden Volk,
rechts daneben in gothischer Nische St.
Johann Baptist und der Stifter; die
Kreuzesscene hochdramatisch erregt, starke
und milde Affekte auf den Gesichtern; auch
die Gestalt des Heilands ist mit dem Ober-
körper, wie im Uebermaß des Schmerzes,
seitlich ausgebengt; die Leiber der Schä-
cher sind in schrecklicher Weise nicht ans
Kreuz genagelt, sondern aufs Kreuz ge-
flochten, so um den Querbalken gewunden,
daß die Füße vorn am Hanptpfahl an-
gebunden, der Körper um den Querbalken
gewunden und Schultern und Kops auch
wieder nach vorn gerichtet sind. Mildernd
wirkt die zarte Franengruppe auf der
einen, der gläubige Hauptmann und der
in tiefer Bewegung heranschreitende Jo-
hannes auf der andern Seite; ein Engel-
chen stimmt in den Lüsten die Todten-
klage an, andere fangen das hl. Blut in
Kelchen ans. Diese Bilder sind früher als
die der zweiten Travee (ca. 1435) und
stammen von einem andern Pinsel, der
dem des Jakob Sunter an Kraft, drama-
tischem Geschick und Lebendigkeit, fast Un-
bändigkeit des Ausdrucks überlegen ist, so
viele Verwandtschaft er auch sonst mit ihm
hat. Den Namen dieses Meisters verinö-
gen wir nicht zu nennen, aber seine Bil-
der sind durch ein äußeres Zeichen kennt-
lich gemacht, indem sich auf denselben

seitig, in künstlich geformtem Text darlegen. Als
Beispiel folge die Inschrift zum Vorbild: David
und Semei: Filii dei pacienciam David olim
rex prefiguravit. qui ab iniquo Semey tanta
mala pacienter tolleravit. Semey projicit in
David lapides ligna et lutum. Sic sinagoga
injicit in Xrum palmas spinas et sputum. Se-
mey david virum sanguinum et virum belial
vocavit. sinagoga Xrum seductorum et male-
factorem appellavit. Abisay voluisset semey
occidisse. Sed david prohibuit. angeli occi-
dissent derisores Xri sed ipse non permisit,
Xrus enim venit in mundum pro peccatis no-
stris mortem pati, ut nos reconciliaret per suum
sanguinem deo patri. Non enim venit ideo
in hunc mundum, ut aliquos interficeret, sed
ut pacem et concordiam inter deum et horni-
nem conficeret. Ipse autem a judeis non pa-
cifice est tractatus. Andere Beispiele bei T i nk-
Hauser a. a. O.
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