Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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meist eine weiße Fahne mit einem schwar-
zen Skorpion findet; Semper nennt ihn
daher: Brixener Meister mit dem Skor-
pion. Jakob Snnter, der zu diesem Mei-
ster zweifellos in einem Lehrverhältnis
stand, hat in dieser selben Abtheilung die
Vorbilder gemalt: Achior an den Baum
gebunden, Job auf dem Misthaufen als
alttestamentliche Typen zum Eeee-Homo-
Bild; Eleazarö Hingabe in den Tod, Ab-
salomö Durchbohrung als Parallelen zum
Krenzignngsbild; ferner malte er noch
1470 hier eine Grablegung voll zarten
Gefühls nnb von weichster Stimmung,
mit zwei Nebenbildern: Joseph in der
Zisterne, Jonas vom Fisch verschlungen.
Die Vergleichung der beiderseitigen Bilder
zeigt bald sowohl die großen Aehnlichkeiten,
wie die charakteristischen Unterschiede der
beiden Meister.

Vierte T r a v e e. Anbetung der drei
Könige, vorzügliches Bild, welches den
Uebergang vom Jdealstil des 14. Jahr-
hunderts zum mehr realen des 15. bezeich-
net; die Komposition schlicht; in naiver
Perspektive sind ans erhöhtem Felsen die
Hirten mit den Schafen angeordnet; das
hl. Kind ist vollständig eingehüllt, so daß
nur der gedankenvolle Kops sichtbar ist;
es ruht nicht auf dem Schooß der Mutter,
sondern von ihr gehalten in der Krippe;
links in der Ecke stöbert einer in einem
Mantelsack, ein Affe schaut ihm zu. Auf
dem inuern Schildfeld St. Georg und
Gottfried von Bouillon, prächtige Gestalten;
in den Gewölbefeldern ebenso tüchtige
Brustbilder von Propheten und Kirchen-
vätern, gegen den Schlußstein hin herr-
liche schwebende Engel, ganz ätherisch in
Haltung und Gestalt, die Gesichter voll
Geist und Schönheit. Den Meister dieser
vorzüglichen Bilder, die zum Glück auch
relativ gut erhalten sind, vermögen wir
nicht mehr zu nennen; Tinkhanser glaubt
ihn in dem Italiener Vaeearini gefunden
zu haben, aber sie sind für diesen zu früh.
An italienischen Einfluß zu denken, nöthigt
die weiche Anmut, der feine Schönheits-
sinn, der Schwung der Linien, doch scheint
auch uns, wie Semper, wieder zu viel
deutsche Art in den Bildern zu sein, als
daß man geradezu einen Italiener als
Autor ansetzen dürfte. Semper hat es
wahrscheinlich gemacht, daß von demselben

Meister die Deckengemälde zweier Kreuz-
gewölbe im rechten Schiff der Jakobskirche
von Tramin stammen (ebenfalls Engel,
Propheten und Kirchenlehrer). Noch dem
14. Jahrhundert gehören nach Semper an
mehrere Heiligenfiguren der Westwand und
ein Erbärmdebild (Jesus steht im Grab)
mit Maria und Johannes.

Einen großen, zusammenhängenden
Cyklns von der Hand Jakob Sunters,
1472 gefertigt, zeigt uns die fünfte
A b t h e i l u n g. Mit einem in Freudig-
keit und Anmut getauchten Pinsel schildert
der Meister die glorreichen Geheimnisse der
Auferstehung der Engelsbotschaft au die
Frauen am Grab, der Erscheinung vor
Magdalena und der Höllenfahrt je mit
sinnvollen alttestamentlichen Parallelen.
Die Anferstehnng, präsiguriert Simson mit
den Thoren Gazas und Jonas, ans dem
Bauche des Wallfisches herauskommend;
das liebliche Bild der suchenden Frauen
am Grab hat zu Nebenbildern die Seenen,
wie Rüben den Bruder und die Braut im
Hohelied den Bräutigam sucht; die Er-
scheinung Christi vor Magdalena ist in
Vergleich gesetzt mit der Auffindung Da-
niels durch den König und mit dem Zu-
sammentreffen der Braut mit dem Bräu-
tigam; endlich die Höllenfahrt hat drei
alttestamentliche Parallelen: der ägyptische
Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erken-
nen, Samson erwürgt den Löwen und
David tödtet den Goliath. Auch hier
überall erklärende Inschriften.

Nicht so gut erhalten und stark über-
malt sind die Gemälde der sechsten Ab-
theilung, mariologischen Inhalts: der
Hohepriester weist Joachims Opfer zurück,
Botschaft des Engels an Joachim und
Anna, Begegnung unter der goldenen
Pforte; dazu Nebenbilder: Opfer der

Tochter Jephta's, Traum des Königs
Astyages, Wurzel Jesse, der Sonnenfisch,
von Fischern aus dem Meer gezogen, end-
lich Balaam und der Engel. Alle diese
alttestamentlichen und legendarischen Züge
sind vorbedeutend für die wunderbare Ge-
burt Mariens; ihrer ikonographischen
Wichtigkeit wegen fügen wir noch nach
Tinkhanser einige der erklärenden In-
schriften an: Oepte obtulit (filiam) pro
victoria hostium (tem)poralium. Sic
maria (oblata) est pro victoria (ho)st(ium)
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