Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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infernalium. Regi astiagi monstratum
est quod filia sua regem Cyrum
generaret. Joachim nuntiatum est,
quod filia sua regem Xrum portaret.
Filia ergo regis astiagis figuravit ma-
riam que protulit mundo vitam veram
et piam. Egredietur virga de radice
Yesse et flos de radice ejus ascendet.
Super quem septiformis gracia spiritus
sancti requiescet, hec virga est maria
fecundata per celestem rorem. que
produxit nobis Xrum amenissimum
florem. Per mensam igitur solis maria
est pulchre figurata. Que vero soli i.
e. summo deo est oblata. mensa solis
est oblata in templo solis materialis.
maria oblata est in templo solis eter-
nalis. Spiritus sanctus eciam nobis
mariam necessariam ostendebat, cum
per os balaam ortum ejus promittebat.
promisit enim quod de jacob oritur
stella, per quam figurabatur futura dei
cella. balaam populo Israhelitico ma-
lediccionem cogitabat. Sed spiritus
sanctus malediccionem in benediccio-
nem transmutabat. Alle diese Bilder
sind von einem, uns unbekannten Meister,
der bereits vom Hauche einer neuen Zeit
berührt ist, in der Perspektive und Natnr-
nachahmnng Sunter übertrifft, in echt
religiöser Auffassung seiner Themate ihm
noch ganz ebenbürtig ist. Sie stammen
ans dem Jahre 1482 und gehören zu den
spätesten Bildern des Kreuzgangs.

In der siebenten T r a v e e nehmen
außer einer schönen Pieta mit dem Stifter
und St. Katharina, 1446 gemalt von
Jakob Sunter, die Aufmerksamkeit beson-
ders in Anspruch die merkwürdigen Sym-
bole der jungfräulichen Mutterschaft
Mariä, von unbekanntem Meister, wohl
ans dem Anfang des 15. Jahrhunderts
(ca. 1425 und 1427). Als Sinnbilder
jenes Geheimnisses werden angeführt der
Vogel Strauß, dessen Eier die Sonne ans-
brütet (si ova strutionis sol excubare
valet, cur veri solis ope virgo non ge-
neraret), der Pelikan, der seine Jungen
mit seinem Blut lebendig macht (pellicanus
si sangwine animare foetus claret, cur
(Christum) puro ex sangwine virgo
non generaret), die Vestalin Tuscia,
welche in einem Siebe Wasser trägt (si
cribro virgo Thuscia aquam portare

valet, cur non portantem omnia virgo
generaret; hier scheint August, de civ.
dei citirt zu sein), ein Löwe, der seine
drei Jungen durch Brüllen zum Leben er-
weckt (Leo si rugitu proles suscitare
valet, cur . . . spiritu virgo non gene-
raret), eine Frau mit zwei nackten Knäblein,
von welchen jedes eine verschlossene Thüre
öffnet durch Berührung (si tactus mox
nati seras aperire valet, cur mater verbi
nati virgo non generaret; hier ist citirt
Albertus Nagnus de moribus animarum
pte secunda tract. i), endlich der Vogel
Kalander, welcher durch seinen Blick einen
Kranken heilt (Kalandrius si facie egro-
tum (?) sanare valet, cur Xrum salva-
torem virgo non generaret). Zwei an-
dere Symbole sind ganz verwischt; Tink-
hanser vermnthet, sie möchten sich auf die
ohne Mann befruchteten Geier und auf
die vom Wind empfangenden kappadocischen
Stuten bezogen haben. Die gewandt ge-
zeichneten Bilder mit ihren den Zweifel
bekämpfenden Kommentarversen lassen einen
interessanten Blick thnn in die Vorstellnngs-
und Gedankenwelt des Mittelalters. Ein
größeres Bild der Geburt Christi, auf
welches wohl alle diese Symbole Hinweisen,
ist kaum mehr zu erkennen.

In der achten (Eck-)Travee, deren
Westwand gerundet ist, begegnen uns meh-
rere gute Heiligenbilder, namentlich eine
überaus liebliche hl. Dorothea, wohl noch
ans dem 14. Jahrhundert, dann eine tüch-
tige Darstellung des Heilandes am Oel-
berg, die dem 15. Jahrhundert angehören
wird, ferner eine entschieden ältere, von
Semper in den Anfang des 14. oder selbst
ins 13. Jahrhundert znrückdatierte Kreuz-
abnahme, leider sehr zerstört. Von 1474
sind die Personifikationen der Hanptsündcn
und Hanpttngenden, künstlerisch nicht sehr
hervorragend.

Auf dem inneren Schildbogen der
neunten Travee ist eilt künstlerisch
nicht bedeutendes, ikonographisch seltsames
Bild angemalt, darstellend den Sturz der
bösen Engel; oben erblickt man Gottvater,
von guten Engeln umgeben, sieben böse
Engel stürzen herab und werden an den
Aesten einiger Bäume ausgespießt; oder sollte
nicht vielleicht doch das Bild sich auf ein
Martyrium von Heiligen beziehen? Sehr
bedeutend sind die Gemälde der Gewölbe-
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