Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 80
DOI Heft: 10.11588/diglit.15865.45
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15865.48
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15865.49
DOI Seite: 10.11588/diglit.15865#0084
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1889/0084
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
80

selber, und schon die Engelfigürchen bei
der Geburt Christi verratheu uns den
Meister derselben, als welchen ich entschie-
den mit Tinkhauser (gegen Semper) den
Maler der vierten Travee ansehe. Die
Darstellungen befassen sich mit der Kind-
heitsgeschichte des Herrn und bringen deren
einzelne Züge ebenfalls in Parallele mit
alttestamentlichen Typen. Ist die Kompo-
sition auch meist schlicht, so sind die hl.
Scenen doch mit einer Fülle von Poesie
ansgestattet, und alle in eine Stimmung
getaucht, wie sie für die Geheimnisse des
freudenreichen Rosenkranzes sich ziemt.
Das Antlitz der Mutter bei der Geburt
oder bei der Darstellung im Tempel, die
Gesichter der Engel und Hirten auf ersterem
Bild sind von solch herzgewinnender Fröh-
lichkeit, daß ein trübes Gemüt sich an
ihnen heiter sehen kann. Das hl. Kind
ist bei der Geburt ebenfalls ganz verhüllt
itnb hat dasselbe geistvolle Antlitz wie bei
der Anbetung der Könige in der vierten
Travee. Der Cyklns schließt folgende
Darstellungen in sich: Verkündigung (ziem-
lich verdorben), Vorbilder: Protoevange-
lium, Gedeons Vließ; Geburt, Vorbilder:
der brennende Dornbusch, der blühende
Stab Arons, Anbetung der Könige, Neben-
bilder: David und Adner und die Köni-
gin von Saba vor Salomon; Darstellung
im Tempel (das hl. Kind steht ans dem
Altar, wird vom Hohepriester an einer
Hand gehalten, flieht aber von ihm weg
zur Mutter hin), Vorbilder: Maria bringt
das Kindlein (oder vielleicht eher eine
israelitische Frau stellt ihr Kind dar?),
Simeon und Anna (kaum mehr zu erkennen).
Die Bilder sind wohl von 1418.

Die zehnte Abtheilung Hatzum
Hauptbild wieder eine Verkündigung im
ernsten strengen Stil, ohne Zweifel dem
14. Jahrhundert angehörig. Die Jung-
frau kniet in einer Säulenhalle, deren
Architektur italienisch anmntet; knieend
überbringt der Engel seine Botschaft; oben
in ' der Mandelglorie Gottvater, der das
von Engeln umschwebte nackte Kindchen
entsendet. Dann ist in dieser Travee noch
zu sehen, eine hl. Kümmerniß, von einer
betenden Volksmenge umgeben, und ein
St. Sebastian, beide aber sehr verdorben.
Wichtig sind die Deckengemälde, als g^nz
merkwürdige Beispiele, in welcher Weste

das Mittelalter Moral malte. Da sehen
wir das Ende des Barmherzigen und des
Geizhalses; ersteren zieht ein Engel zum
Himmel, letzterem verkündigt er die Ver-
werfung ; Worte der hl. Schrift ans Band-
rollen illustrieren das Bild. Dann wird
dem Bischof gepredigt; hier ein im Acker-
feld Gottes pflügender und arbeitender
Bischof (domine quinque talenta lucra
tus sum; lex veritatis fuit in ore ejus;
multos avertit ab iniquitate), dort der
trag dastehende, behäbige, welcher spricht:
domine ecce mna tua, quam habui
repositam in sudario und von dein es
heißt: eanes muti, non valentes latrare;
alligant honera gravia et importabilia.
Zwei in einem Bett liegende Gestalten
repräsentiren die wahre und die falsche
Frömmigkeit; die eine hält ein Spruchband
mit den Worten: oeuli mei semper ad
dominum; ein Engel zieht sie an der
Hand nach oben; die andere mit gries-
grämigem Gesicht hat eine Rolle mit dem
selbstrühmenden Wort: genua mea infir-
mata sunt a jejunio, aber unten ist ihr
das Urtheil gesprochen: non omnis qui
dicit mihi domine domine, intrabit in
regnum. Endlich sieht man den Zöllner
mit kummervoller Büßermiene, ebenfalls
vom Engel angenommen, neben ihm kniet
der Pharisäer, mit erhobener Hand be-
theuernd: non sum sicut ceteri adultri.
Gegen ihn ist aufgestreckt der Rachen des
Leviathan, den eine von pben kommende
Hand an der Angel hält, eine andere Hand
schneidet ihm mit der Hape den Bauch
ans, aus welchem eine Flnth von Kin-
derchen-Seelen hervorqnillt; eine Darstel-
lung, wie durch die Buße die Seelen dem
Teufel entrissen werden.

(Fortsetzung folgt.)

lieber die „L)irscher'sche Madonna"

von Pfarrer Or. Probst in Essendorf.

Im Jahre 1479 wurde (nach Hafner,
Geschichte von Ravensburg S. 412) eine
ansehnliche Stiftung von Katharina Hager,
Bürgerin von Ravensburg, gemacht „zur
Ehre Gottes und der königlichen Jungfrau
Maria an die Pfründe und den Altar der-
selben in der unteren Pfarrkirche daselbst
(Jodokökirche), auf der rechten Abseite ge-
legen". Dieselbe umfaßte Hans und Hof-
loading ...