Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 88
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Bauplatz, wie Fig. 10 zeigt. A ist die
Straßenseite, B eine schwerer zugängliche
Böschung, C eilt Banmgut, bei D sind
Häuser.

So wäre genügend Raum, um eine einschiffige
Kirche neu zu bauen. Aber wir haben Grund
zu sparen, und gar keine Lust, den alte», mauer-
tüchtigen Bau niederzureißen. Daher reißen wir
zwei Breschen in die alte Kirche bei a—b und
c—d und stellen den Neubau quer über den alten,
bei a-—b den Chor, bei c—d das Schiff. So
erhalten wir eine Kreuzkirche mit ztvei Quer-
flügeln und einem neuen Chor, verlieren keinen
Zoll vom alten Raum und gewinnen zu den
3 23 Quadratmetern der alten Kirche 23 6 neue,
wozu noch der geräumige neue Chor kommt.
Der alte Chor wird als Seitenkapelle eine sehr
willkommene Verwendung finden.

Viertes Beispiel.

Eine Kirche ntit gewölbtem Chor und
gewölbter Nebenkapelle; der Thurm an der
dein Chor entgegengesetzten Seite. Daß
wir die gewölbten Räume eben so wenig
als den Thurm aufopfern wollen, steht fest.
Das Kirchlein steht nach Länge und Breite
in keinem Verhältniß mit dem Chor,
noch weniger mit dem Bedürfniß der Ge-
meinde, welche fast 1900 Seelen hat. Eine
Verlängerung hindert der Thurm.

Daher bleibt uns kein anderer Ausweg übrig
als, wie bei dem vorigen Beispiel, Chor und
Schiff ans beiden Seiten des alten Baues anzu-
schiften. Dadurch bleiben uns die früheren
Räume erhalten und wir gewinnen, ohne den

neuen Chor zu rechnen, 240 Quadratmeter. So
können wir mit mäßigem Aufwand dem Bediirf-
niß in angemessener Weise genügen, und die
monumentalen Teile des alten Baues retten.
Diese Aufgabe würde um so leichter gelingen,
wenn das Gerücht, man habe die vorhandenen
Geldmittel zur Ausmalung der kleinen Kirche ver-
wendet, sich glücklicherweise als unwahr heraus-
stellte. (Fortsetzung folgt.)

Oie Wandgemälde im Oomkreuz-
gang zu Briren.

(Fortsetzung.)

Nehmen wir zu diesem Cyklus der
Moral noch hinzu die ihm verwandten,
wohl von demselben Meister stammenden
Bilder der elften Travee, die Werke
der leiblichen Barmherzigkeit darstellend,
kleine, genreartige Bildchen, welche immer
Jesus mit der benedictio auf dem Spruch-
band in die Scene hereinnehmen; dann
der Prasser und der arme Lazarus hinieden
und in der andern Welt. Gewiß eine
gesunde Moral, welche in solcher echt
christlichen Weise die Habsucht verdammt,
wahre auf Gott gerichtete Frömmigkeit und
bußfertige Gesinnung predigt und, so sehr
sie Werkgerechtigkeit verurteilt, doch auf
Werke der Barmherzigkeit dringt, auch dein
Kirchenfnrsten beim Eingang in seine Kathe-
drale (das altromanische Portal am Anfang
der elften Travee bildet jetzt
eine Nische für ein Bild des
Herrn an der Geiselsäule)
seine Pflichten vorhält.
Dieser ganze Cyklus stammt
aus dem 14. Jahrhundert;
in ihm begegnet sich so
recht italienische und deutsche
Kunst, die Aehnlichkeit mit
Giottos Malerei ist unver-
kennbar; der Beeinflussung
durch dieselbe verdankt der
deutsche Pinsel eine Beweg-
lichkeit, eine Sicherheit in
Firirung der Affekte, in der
dramatischen Darstellung,
einen Schwung der Linien
bei aller primitiven Einfach-
heit der Zeichnung, wie die
rein deutschen Malereien
dieser Zeit dies entfernt
nicht aufweisen können.
Namentlich die Architektur-
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