Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 91
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(1479) und der Entstehung des Altars (1480),
welche an und für sich schon einen gewissen
Grad von Wahrscheinlichkeit hiesür begründen,
sondern auch eine Anzahl von andern spezi-
fischen Zügen, die ans der Skulptur selbst
entnommen werden können und welche nicht
bloß zufällig mit jenem Stiftnngsbrief überein-
stimmen können.

Was nun aber die Idealfigur der Madonna
selbst betrifft, so ist dieselbe sehr originell
aufgefaßt. Die Attribute ihrer Hoheit
fehlen ganz: die Krone und selbst das Jesus-
kind; aber in ihr selbst, in ihrer Person
und in der hohen geistigen Bedeutung, die
der Meister seiner Skulptur zu verleihen
wußte, ist dieselbe kräftig genug ansgedrückt.
Die Madonna taucht ganz ein in das herbe
Leid der schutzflehenden Menschen; sie wird
von dem Leid derselben als mitergrisfen dar-
gestellt und vermittelt die Leiden der Men-
schen durch ihre Fürbitte zu dem Thron des
Höchsten, zu welchem sie anfblickt, wie die
Menschen zu ihr emporschanen. Ihr ganz
inniges Verhältniß ju den Menschen ist aber
dadurch ansgedrückt, daß sie, wie bei Hol-
bein, auf den: gleichen Boden tvie die Schutz-
slehenden steht, mitten unter ihnen, und daß
sie selber mit beiden Händen huldvoll den
Mantel ausbreitet, unter dem die Menschen
Schutz suchen und finden. Anderwärts wird
mit Vorliebe zu diesem Zweck die Hilfeleistung
einer Anzahl von Engeln in Anspruch ge-
nommen. Bei Holbein breitet sich der Mantel
von selbst ans, ohne Beihilfe der Madonna
oder der Engel. Wir glauben aber, daß die
Auffassung von Schramm an Einfachheit und
Innigkeit hinter keiner zurückbleibt. Wenn
man die Arbeit desselben mit der vielleicht
gleichzeitigen, den gleichen Gegenstand dar-
stellenden Skulptur eines norddeutschen Mei-
sters im Dom zu Lübeck (cfr. Münzenberger:
Mittelalterliche Altäre Deutschlands im IV.
Heft) vergleicht, so erkennt man, wie weit
der Ravensburger Meister in Auffassung und
Allsführung seinem Zeitgenossen überlegen
ist. Man kann die Mängel der citierten
Skulptur nicht ans Rechnung des abbildendeil
Zeichners setzen, weil das Bild im Lichtdruck
mitgetheilt wird.

Auf eine ausführliche Beschreibung der
Idealfigur der Madonna als Helferin der
Christen brauchen wir uns hier nicht weiter
einznlassen; wir benlerken nur noch, daß der
lange schmale Streifeil, der über den ganzen
Leib herabreicht, in schmalen Längesfalten
sich knndgebend, offenbar ein Skapulier ist.
In Raveilsburg bestaild damals ein Karme-
literkloster, ein Umstand, der hier zur Be-
leuchtung der Anwendung dieses Gewand-
stückes dienen mag.

Faßt man den Eindruck, den diese Skulptur
macht, kurz zusammen, so erscheint F. Schramm
als ein Meister, der die Eigenschaft und die
Befähigung besaß, Jdealfigilren mit den ein-
fachsten Mitteln in gelungener Weise zu
schaffen, dem aber dabei auch das Geschick
nicht fehlte, so klar in das wirkliche Leben
einzndringen, daß ihm auch die bildliche
Darstellung lebender Persönlichkeiten keine
Schwierigkeiten macht. Er vermengt aber
diese beiden Sphären nicht mit einander.
Bei Darstellung der Realfignren zollt er
der Wirklichkeit vollen Tribut, verleiht den-
selben derbe und auch feine Züge, wie er sie
vorfiildet; seinen Idealfiguren aber versteht
er den Steinpel überirdischer Schönheit ans-
zndrücken.

Das sind Eigenschaften, die nicht so leicht
mit einander verbunden werden, und die auch
hinreicheild sein werden, um die Werke dieses
Meisters von andern des 15. Jahrhunderts
zu unterscheiden. Gegenüber seinem wür-
digen Landsmann und Kilnstgenossen Jakob
Ruß insbesondere möchten sich einige Unker-
schiede unschwer festhalten lassen. Rach Aus-
weis des Chnrer Altars bildet Rilß seine
Idealfiguren (Madonila rc.) nrehr in kurzen
Verhältnissen, besonders mit kurzem Hals;
liebt ein volles rundliches Oval des Gesichts,
freundlich lächelnden, wenig geöffneten Mund
und etwas kleine Augen. Ferner liebt er
Beiwerk von Engelssignren rc. anzubringen.
Rilß hätte sich bei der Darstellung dieses
Gegenstandes, der Madonna als Helferin der
Christen, die Gelegenheit wohl nicht entgehen
lassen, eine Anzahl Engel herbeizuziehen, oder
anderes Beiwerk anznbringen.

Literatur.

Gabriel Map * K u n st und seine
Werke. Eine kunsthistorische Skizze
von Nikol ans Mann. Mit 8
Abbildungen. Leipzig, Weber 1888.
28 S. Preis 1 M.

Der edle Meister verdient durchaus die Ehre
dieser warm geschriebenen Monographie. Er muß
jedem Sympathie einflößen, welcher unter Kunst
noch ettvas anderes versteht als ein Abphoto-
graphiren der Natur, welchem eine Kunst ohne
Ideale, eine religiöse Kunst ohne Religion noch
undenkbare Begriffe sind. Wie atmet man auf,
wenn man diesem Meister begegnet in modernen
Galerien oder Ausstellungen! Da ist Geist, da
ist Gedanke, da ist Seele! Da wird man nicht
mit Fleisch traktirt bis zum Ekel, da ist nicht
der Gedanke Fleisch, die Form Fleisch, die Farbe
Fleisch; da wird nicht mit der Mache paradirt,
mit der Klexfertigkeit, mit der brüsken Noncha-
lance, die so unverschämt ist, dem Beschauer ins
Gesicht zu sagen: du bist nichts Besseres tverth;
da werden nicht bizarre Gedanken geboten, deren
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