Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 92
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das Hirn erst fähig geworden zn sein scheint, nach-
dem man sein bischen Phosphor durch Schnaps
zur Entzündung gebracht. Bei Gabriel Max
geht der schaffende, schöpferische Geist mit der
schaffenden Hand völlig zusammen; unter den
zahlreichen Bildern des produktiven Meisters mag
uns das eine mehr, das andere weniger sym-
pathisch sein, aber in jedem werden wir einen
Gedanken finden, was man leider von so vielen
modernen Bildern nicht mehr sagen kann. In
allen seinen Bildern ist das Bestreben wahrzu-
nehmen, die Form zn vergeistigen, das Fleisch
zu beseelen, auch die Farbe in den Dienst des
Geistigen zn ziehen. Hierin besitzt er eine für
Schaffung religiöser Bilder wichtige Vorbedingung,
und er hat auch wirklich ans diesem Gebiet rüh-
menswert gearbeitet und Einmal das Vollkom-
mene erreicht: in seinem bekannten, weitverbrei-
teten Schweißtuch hat er die religiöse Saite zn
einem vollen, hellen, reinsten Klang angeschlagen.
Seine neuere Entwicklungsphase, soweit wir die-
selbe verstehen können, flößt uns aber einiges
Bedenken ein und Ziveifel, ob sie seiner religiösen
Produktion nicht nach und nach den Todesstoß
versetze. Seine Krankenheilung und Todtener-
weckung durch den Heiland, seine in der Farbe
so zauberhafte Madonna mit dem Kind ans der
letzten Ausstellung in München zeigen, daß er
auch ans religiösem Gebiet dem Hang nachgiebt,
der ihn aus dem Reich der Geister in das des
Geisterhaften, ans dem Reich der Phantasie in
das des Phantastischen, ins Nebelreich des Spiri-
tismus und der Aftermystik lockt. Möchte er
diese Phase überwinden und den Weg finden in
die höheren Welten des Uebernatürlichen, des
Göttlichen, des wahren Mysteriums, ans den ge-
fährlichen, schwanken Moorgründen des Spiritis-
mus mit ihren Irrlichtern zum lvahren christ-
lichen Spiritualismus gelangen!

P r i n z i p i e n f r a g e n der ch r i st -
lichen Archäologie mit beson-
derer Berücksichtigung der „For-
schungen" von Schultze, Hasenclever
tlnd Achelis erörtert von Joses
Wilpert. Mit 2 Tafeln in Licht-
druck. Freiburg, Herder 1889.
104 S. Preis 3 M.

Ans dem Gebiet der christlichen Archäologie,
im besondern der Katakombenforschung hat sich
in neuerer Zeit eine protestantische Schule anf-
gethan, welche unter Verwerfung der Methode
und der Hauptergebnisse der Forschung de Rossi's
und seiner Schüler ganz neue Wege zn gehen
suchte. Von protestantischer Seite wurden diese
Bestrebungen warm begrüßt; man war ganz
glücklich, daß die Katakomben vom Katholizismus
gereinigt erschienen, ja man glaubte schon ein
Recht zn haben, mitleidig über die Befangenheit
eines de Rosst und der „röniischen Schule" zu
lächeln. Der Vater dieser protestantischen Schule,
V. Schultze, macht ihr in einem Artikel der Lut-
hardt'schen „Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft
und kirchliches Leben" 1888 S. 296 ff. das fol-
gende, nicht allzu bescheidene Kompliment: „Be-

sonders erfreulich ist die Wahrnehmung, daß
die deutsche protestantische Wissenschaft gegenwär-
tig an der monumentalen Forschung in hohem
Grade beteiligt ist und, lvas die Methode und
Reife des Urteils anlangt, im allgemeinen die
römisch-katholischen Archäologen weit überholt
hat." Die obige Schrift, mit ungemeiner Sach-
kcnutniß und auf Gruud langer und eingehendster
Studien an Ort und Stelle geschrieben, unterzieht
Methode und Resultate dieser neuen Schule einer
scharfen, aber sehr gerechtfertigten Kritik und
weist ihr eine gewaltige Zahl von Unrichtigkeiten
und Jrrthümern nach. Man glaube nicht und
rede sich nicht gegnerischerseits damit aus, daß
eben hier katholischer und protestantischer Stand-
punkt in Konflikt gerathe; es handelt sich vielmehr
einfach um richtige uud unrichtige historische For-
schung, um Kenntniß und Unkcnntniß oder mangel-
hafte Kenntnis; der alten Denkmäler, um begrün-
dete Resultate und Hypothesen und um Ausge-
burten der Phantasie und leichtfertige Behaup-
tungen. Man lasse das Konfessionelle bei Seite
und halte sich an das thatsächlich Gegebene: dabei
allein kann die archäologische Forschung etwas
gewinnen. —

Die Fro n ika. Ein Beitrag zur Ge-
schichte des Christusbildes im Mit-
telalter von Karl P e ar s o n. Mit
19 Tafeln. Straßburg, Trübner
1887. XV u. 141

Diese ans dem Englischen übersetzte Schrift ist
ein wahres Muster einer ikonographischen Studie,
ausgezeichnet durch gewissenhafteste Genauigkeit,
ruhige Besonnenheit, pietätsvolle Noblesse. Sie
hat zu ihrem Vorwurf die zahlreichen Beronika-
oder Schweißtuchbilder mit dem Antlitze des Hei-
landes, begnügt sich aber keineswegs damit, eine
möglichst große Anzahl derselben zu sammeln,Hzu
vergleichen, zu klassifiziren, sondern sie legt für
die Kunstbetrachtung erst das historische Funda-
ment durch genaue Untersuchung der ganzen
Veronika-Legende und der alten Veronika-„Rufe"
oder -Lieder und -Gebete sammt den mit ihnen
verbundenen Ablässen. Die Untersuchung über
die Veronika-Legende schließt mit dem höchst in-
teressanten Resultat, daß nach der älteren Version
derselben das Christusbild der Veronika vom
Herrn geschenkt wird, auf Tuch aufgedrückt, nicht
mit den Zügen des leidenden, sondern mit denen
des glorreichen Heilands; nach der zweiten, spä-
tern Version erst wird der Empfang des Bildes
zu der Kreuztragung in Beziehung gebracht, und
demnach das Bild ein Marterbild mit Dornen-
krone und Blutstropfen. In Deutschland kon-
kurriren beide Versionen gegen Ende des 14. Jahr-
hunderts, und die zweite kommt zur Herrschaft
gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Wie wichtig
dieses Resultat für richtige Auffassung der Schweiß-
tuchbilder ist, liegt auf der Hand; letztere aber
beweisen ihrerseits wieder die Richtigkeit des
Resultats. Der Vers, bespricht 180 Darstellungen.
Die wichtigsten davon sind in guten Reproduk-
tionen der Schrift beigegeben, die wirklich in jeder
Hinsicht empfohlen werden kann. —

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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