Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 95
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dem sie wieder einmal alle Illusionen zer-
stören, daß die Kraft des Genius, der dies
Werk geschaffen, keineswegs mehr so ur-
sprünglich ströme, wie es uns scheinen
wolle, daß sie vielmehr künstlich ausgepumpt
sei und in dieser Hervorbringung sich vollends
und für immer erschöpfe! So bereitet uns
manchmal ein schöner Herbst eine seltsame
Täuschung. Das falbe Grün der halb
entblätterten Bäume scheint nach einem
lauen Regen sich zu verjüngen, und wenn
sich vollends der Wolkenhimmel aufthnt und
die Abendsonne mit einem Lächeln wie aus
Thränen Auen, Büsche und die langen
Reihen lebendiger Hecken mit ihrer Glorie
überstrahlt, dann scheinen sich die Hoffnungen
der Erde noch einmal zu erholen und wir
wollen es nicht glauben, daß das Abend-
lied der Lerche, welches in den blauen Himmel
hinein verschwebt, das letzte Lebewohl der
in den Tod hinsinkenden Natur ist!

Man kann sich keine schärferen Gegen-
sätze denken, als diese konstruktive Strenge
und Bestimmtheit des Ulmer Riesen, in
welcher die Kraft seines markigen, die Macht
des Bürgerthums symbolisierenden Charak-
ters liegt, gegenüber der ornamentalen
Freiheit und Weichheit seines Zeit- und
Stilgenossen, dessen zierlich-üppiges Stein-
schnitzwerk uns die überschänmende, scharf
gewürzte Beweglichkeit des Wiener Geistes
veranschaulicht. Ich persönlich fühle mich
mehr bezaubert durch das mannhafte, stamm-
hafte (jedoch durch Gliederung wohl ge-
milderte) Wesen unseres längsten Schwaben
als durch das einschmeichelnde, ein wenig
weichliche seiner herrlichen Schwester, der
reizenden Wiener Spitzsäule. „Sowie —
folgende allgemeine Bemerkung in Bayers
Aesthetik trifft auch für diesen Fall bis
ans einen gewissen Grad zu — sowie der
Stil in der Dichtung bei der häufigen
Anwendung von Bildern und Gleichnissen
an der strengen, einfachen Größe und Er-
habenheit des Gedankens einbüßt, wohl
aber an sinnlichem Reiz, an Farbe und
Gefälligkeit der Darstellung gewinnt, so
ist es auch hier der Fall. Die Ueber-
wucherung des Dekorativen ist schon Aus-
artung; die Architektur hat ihren Schwulst
wie die Poesie. Eine üppige Ueberkleidung der
konstruktiven Linien schwächt die ernste Ge-
schlossenheit des Totaleindrucks, die eigent-
lich geistige Wirkung des Baues ab." —

Doch spricht hier „das entbundene reiche
Detail, der Aufputz der Bauwerks" (wie
es an der angegebenen Stelle weiter heißt)
nicht „bloß zu den Sinnen" mit seinem
gefälligen Spiel. Denn das Detail am
Wiener Hauptthnrm ist, wie wir gesehen,
in sich selbst nicht entbunden, vielmehr zu
einem unzerreißbaren Geflecht verbunden.
Vom organischen Zusammenhang von beit
einzelnen Bau gliedern gelöst, was für die
Verfallzeit bezeichnend ist, hat es doch in
seinen einzelnen Verzweigungen Zusammen-
hang und Gesetzmäßigkeit genug, wodurch
seine Zierlichkeit, anstatt in geistlose Zie-
rerei und Spielerei anszuarten, etwas von
dem beseelendem Hauch der Anmut be-
kommt. Würdevolle Anmut gegenüber der
Erhabenheit der Kraft: so scheinen uns
Wien und Ulm ergänzend einander gegenüber
zu stehen.

Was aber vollends ausschlaggebend ist
für die richtige Werthschätzung des Wiener
Riesen — nie war ein Riese so zierlich
und nie wieder hat sich solche Zierlichkeit
mit solcher Riesenhaftigkeit in wunderbarer
Verklärung gepaart —- das ist der originelle
Grundgedanke des Ganzen. Das Ideal
einer einzigen ans dem Boden anfsteigen-
den, sehr schlanken Pyramide ist in diesem
Thurm verwirklicht wie in keinem andern.
(Diesen Eindruck erhält man am reinsten,
wenn man ihn Überecks ansieht, wo sich
dann die unzähligen Thürmchen und Spitzen
von der Hauptmasse sondern und dem Auge
eine sanft geneigte Linie darbieten — wäh-
rend er von gerader Seite betrachtet ein
schwereres, kegelförmiges Aussehen zu haben
scheint.) Eine gleich von der Sohle an
sich stark verjüngende Pyramide kann aber
offenbar nicht mit derselben Elle gemessen
werden wie ein in bestimmten Absätzen ans-
gethürmter Bau. Die Trennungslinien
zwischen den Geschossen des letzteren -—
für eine Pyramide sind sie undenkbar, und
so ist hier, was an und für sich ausfallen
könnte, nämlich die Unbestimmtheit der
einzelnen Abtheilungen, weil der Grund-
idee entsprechend, wohl am Platz und inner-
lich wahr, und weil der beabsichtigten Wir-
kung dienlich, auch schön. Anstatt also
mit dein unbekannten Meister darüber zu
rechten, daß sein Werk so ist, wie es ist,
beglückwünschen wir ihn, weil es das ganz
ist, was es sein kann und soll. Anstatt
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