Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 96
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über nachlassende Kraft zn klagen, freuen
wir uns, daß es ihm vergönnt war, in
einer Zeit des Kraftnachlasses noch eine
so lebenskräftige Idee auszudenken und
auszuführeu. Anstatt m. dieser heitern
Spitzsäule die Gedrungenheit und Ge-
schlossenheit zu vermissen, die ihrem Wesen
fremd, genießen wir rückhaltslos die Leich-
tigkeit ihrer Höhenentwickelung, welche nun
einmal ihre Eigenthümlichkeit ausmacht und
welche sie in der Reihe ihrer Brüder am
meisten der Pappel ähnlich erscheinen läßt,
— während der Ulmer Münsterthurm mit
seinem Riesengeäste an die knorrige Kraft
der Eiche gemahnt und des Dichters Wort
ins Gedächtniß ruft:

„So steht im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgethiirmter Riese da."

„Im Anschauen einer Pappel," sagt
Jonsfroy, „denken wir ja auch weniger an
die Kraft, welche sie durchdringt, als bei
dem Anblick einer Eiche, die der Sturm
schüttelt. Bei dem Anblick des durch den
Sturm geschüttelten Eichbaums stellt sich
unser Geist unwillkürlich die innwohneude
Kraft vor, die denselben widerstandsfähig
macht. Angesichts eines Pappelbaums da-
gegen empfinden wir als Wirkung von
Kraft eben nur sein schlankes Aufsteigen,
seine glücklichen, gefälligen Verhältnisse."

Nachdem wir nun die Höhepunkte nicht
bloß der deutschen, sondern aller Gothik
in ihrem Wesen zu erfassen und jeden von
ihnen nach der besonderen Seite von Schön-
heit, die ihm eigen, zn würdigen gesucht,
womit könnten wir diese Betrachtung aus
der Vogelperspektive füglicher schließen,
als indem wir noch einen Blick in die
geheimnisvolle Geisteswerkstätte werfen, ans
der diese so nah verwandten und doch
wieder klar und scharf geschiedenen Werke
hervorgegangen?

„Wie man zu den Höhen des Baues in einem
mit Ehrfurcht gemischten Erstaunen blickt, so er-
weckt der Blick in die Tiefen des Genius ganz
die gleichen Gefühle in der Seele. In dem Ur-
heber eines solchen Werkes haben die seltensten
Gaben in einem Maße, wie sie nur den aus-
gezeichnetsten Sterblichen zu Theil werden, in
voller Harmonie und einem Gleichgewicht sich
vereinigen müssen, wie sie gleichfalls in dem
vielfältig zerrissenen und verschobenen Leben nur
in den sparsamsten Ausnahmen sich zu behaupten
vermögen. Eine schaffende Einbildungskraft, frucht-
bar wie die Natur, da, wo sie im fröhlichsten
Spiele an der Hervorbringung der mannigfaltig-
sten Formen sich ergötzt; ein geistiges Vermögen,

das bis zum innersten Grund der Dinge dringt,
und von dort aus in der Idee das weiteste Ge-
dankenreich ohne sichtbare Anstrengung zu be-
herrschen die Kraft besitzt; eine Anschauung, die
wie der Blitz das Verschlossenste durchdringt und
mit ihrem Licht das Dunkelste zur Durchsichtig-
keit erhellt; ein Verstand, der alle Verhältnisse
mit klarem, lichtem Auge überschaut und das
Verworrenste sogleich in großen Massen zu fassen
und das Vielfältigste in der Macht des einfach-
sten Gesetzes zusammenzuhalten versteht; ein
Sinn endlich, der aufs reinste gestimmt die zarte-
sten Beziehungen zn empfinden und wiederzu-
geben weiß: das alles hat in einem schönen
Ebenmaß sich in ihm verbinden müssen, damit
er den Gedanken eines solchen Werkes nur zu
fassen vermochte. Sollte der Entwurf aber durch
fein Zuthun zur Ausführung gelangen, dann
mußte allen diesen Eigenschaften auch noch der
beharrlichste Wille, das ausgedehnteste technische
Kunstgeschick und eine Fiille praktischer Kenntnisse
und Einsichten sich beifügen, die schon allein für
sich die tüchtigste Persönlichkeit in Anspruch neh-
men. Hätte nur einseitig eine große Phantasie
in ihm gewaltet, sie möchte wohl, wie die jenes
trefflichen Dichters, den Entwurf eines Gral-
tempels aufgefaßt, aber wie dieser gleich zum
Voraus auf jede Möglichkeit einer Ausführung
verzichtet haben. Hätte bloß ein scharfer, rechnen-
der, analysirender, scholastischer Verstand in ihm
geherrscht, er hätte wohl ein überaus künstlich
und regelrecht gesetztes Werk herauspunktirt und
kalkuliert, aber es wäre nichts als ein Kunststück,
ein totes, kaltes Machwerk herausgekommen, ein
Kompendium der Mechanik aus Stein gesetzt.
Hätte wieder nur das schöne Kunsttaleut allein
ihm beigewohnt, nie wäre es für sich so unge-
heurer Massen Herr geworden, die der Geist erst
bändigen muß, ehe sie dem bildenden Sinn sich
ergeben." (Görres S. 127 f.)

So aber, wie er war, durfte er nur
seinem eigenthümlicheu Genius einen freien
Aufschwung geben, um im gottgeweihten
Augenblick der Begeisterung die Idee des
Ganzen auslenchten zu lassen. Nichts
konnte ihn hernach hindern, sie sofort in
sich zu zeitigen nnd in allen ihren Einzel-
heiten zu gestalten. Trat sie dann, in
Stein ansgeboren, oder doch aus dem
Papier entworfen, in die Welt ein, so
war ein Werk fertig, das, weil warm dem
Haupt seines Urhebers entsprüht, innerlich
wahr, nothwendig, keinem andern tribut-
pflichtig und nur sich selbst gleich war.
Uns Spätgeborenen aber, die wir vom
frischen Born selbständigen künstlerischen
Hervorbringens leider so weit abliegen,
kann nichts besser anstehen, als die höchsten
Denkmäler der Baukunst und Frömmigkeit
unserer Väter auf uns wirken, uns durch
ihre überwältigende Größe nnd Hoheit erst
Niederdrücken und dann (beiderlei Wirkung
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