Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 100
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noch weitere Werke desselben sich irgendwo
vorfinden ließen. Der Verfasser macht sich
keine Illusion darüber, daß ans diesem Wege
der Vergleichung keine Sicherheit zu erreichen
ist, sondern nur, iin günstigen Falle, ein
gewisser Grad von Wahrscheinlichkeit. Wenn
aber weiter sorgfältige Nachforschungen au-
geftellt werden, so könnte noch über manches
ein Licht verbreitet werden, was bisher dunkel
ist. Von diesen: Standpunkte aus wagt der
Verfasser es, den Versuch eines Anfangs zu
machen und einige Statuen, die jetzt in dem
Choraltar der Pfarrkirche zu Mettenberg,*)
OA. Biberach, stehen, zur Vergleichung mit der
Madonna herbeizuziehen; von zweien, einer

hl. Katharina und einer hl. Barbara geben
wir eine Nachbildung.

*) Ich habe im Jahr 1860 ungefähr von dem
Ulmet Händler Kaltschmid drei sicher und sichtlich
zusammengehörige Figuren erworben, welche der-
selbe, als ans der Gegend von Memmingen
stammend, mit einen gewissen Grad von Bestimmt-
heit bezeichnete. Zwei derselben sind Rundfignren
(hl. Katharina und Barbara), die dritte eine
Relieffigur (ein Kirchenlehrer), aber alle drei sicht-
lich und zweifellos Fragmente eines und des-
selben Altars. Sic sind in 3U Lebensgröße ans-

Zuvor werden aber die Anschauungen zu
erörtern sein, die uns hiebei gelenkt haben.
Vor allem, glauben wir, müssen die Figuren
der S chutzflehe nd en so viel wie ganz
außer Betracht bleiben, wenn es sich darum
handelt, eine Brücke zu legen von der
Schrammschen Skulptur hinüber auf andere
Werke. Bei jenen Figuren, die ein Conter-
fei der Stifter geben sollten und wollten,
ist der Meister nicht frei in feiner Kompo-
sition , sondern an die Eigenthümlichkeiten
seiner Vorlage gebunden. Es wäre verfehlt,
wenn man so schließen wollte: Schramm hat
in diesen Schutzflehendei: recht derbe männ-
liche und auch weibliche Figuren gebildet;
also ist ihn: eine Hinneigung zu einem derben
Naturalismus eigenthümlich. Nur die Ideal-
figur der Madonna ist seine wirkliche Kom-
position und deshalb können nur die au ihr
ausgedrückten Merkmale zur Grundlage oder
Vergleichung diei:en. Am besten eignen sich
hiezu andere Madonnenbilder, sowie auch
andere hl. Jungfrauen. Aber auch bei dieser
Vergleichung mit der Idealfigur darf kein
entscheidendes Gewicht gelegt werden auf den
spezifischen Ausdruck der Züge ihres
Antlitzes. In diesen.liegt eine Ergriffen-
heit von den Leiden der Menschheit; sie
sind sehr bewegt, aber nicht selig und freudig,
sondern theilnehmend und trauernd (illos
tuos misei'iooräos oeulos oto.).

Das ist ein Zug, der fast mehr mit einer
mutor clolorosu übereinstimmt, als mit dem
Gemüthsausdruck von andern Heiligen, wie
sie in den Altären des Mittelalters gewöhn-
lich als Statuen sich vorfinden und wie
ohne Zweifel dieselbe:: auch von Schramm
anderwärts gebildet worden sind.

Ferner ist auch ihre Gewandung eine
so eigenthümliche, daß sie nur mit Vorsicht
zun: Ausgangspunkt der Vergleichung benützt
werden darf. Der Mantel .ist vorne geöffnet
und ausgebreitet, nicht um den Leib geschlagen;
deshalb ergibt sich eine nur geringe Falten-
bildung. Zudem fällt ein Skapulier, d. h.
ein schmaler Streifen Tuch der ganzen Länge

geführt. Da die alte Fassung bis auf wenige
Partien abgesprnngei: war, so mußte eine neue
Fassung vorgenommen werden, wobei jedoch die
Spuren des alten Originals volle Berücksichti-
gung fanden, insbesondere auch die Musterung
auf dem silbernen Grund des Untergewandes der
beide:: Jungfrauen. Die Skulpturen selbst waren
gut erhalten; nur die Kronen der Jungfrauen
fehlten und mußten durch neue ersetzt werden;
deßgleichcn auch der Bischofsstab des Kirchen-
lehrers. Alle drei Figuren wurde von Angele
in Biberach photographiert in ungefähr gleicher
Größe wie die Hirscher'sche Madonna, um dieselben
bequem mit einander vergleichen zu können.
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