Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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nach über den Leib herab, der nur eine kleine
Anzahl Längsfalten bildet und bilden kann.
Die Gewandung fällt deshalb bei dieser
Madonna ziemlich nüchtern ans. Man würde
aber irren, wenn man sich zu dem Schluffe
Hinneigen würde, daß Schramm tu seiner
Draperie hart und nüchtern sei. Wenn der
Gegenstand erlaubt und erfordert, einen
reicheren Faltenwurf anzubringen, so führt
auch Schramm den gebrochenen, reichen Fal-
tenwurf vom Ende des 15. Jahrhunderts
aus. Ein Beispiel ist dafür der Mantel
der breiten Frau, welche im Vordergrund kniet.

Wenn nun diese genannten Gesichtspunkte
nicht als die geeigneten erscheinen, um even-
tuell vou ihneu aus eine Brücke zu legen zu
andern Werken des Meisters, welche werden
die richtigen fein?

Wir glauben in erster Reihe die Verhält-
nisse der Gesammtfiguren betonen zu sollen.
Wie die Madonna entschieden schlank ge-
halten ist, so werden auch andere Werke
dieses Meisters beschaffen sein müssen. Das
trifft aber bei der hl. Katharina und Bar-
bara im Mettenberger Altar zu. Man glaube
nicht, daß diese Eigenschaft selbstverständlich
und deshalb ohne Bedeutung sei. Wir haben
oben über Jakob Ruß bemerkt, daß seine
Figuren vielfach zu kurz sind. Das gilt von
den schwäbischen Meistern am Ende des
15. Jahrhunderts sogar als Regel (okr. Dursch,
Aesthetik S. 406). Es kann somit eine
entschiedene Schlankheit der Figur wohl als
eiu leitendes Merkmal zur Unterscheidung
dienen.

Ferner ist auch zu beachten die aufrech te
Haltung der in Rede stehenden Figuren.
In einem früheren Artikel (Archiv 1889,
S. 27) haben wir auf die starke Biegung
in den Hüften aufmerksam gemacht, welche
im 14. Jahrhundert herrschend war. Aber
auch die Bildschnitzer des 15. Jahrhunderts
nahmen noch gern diesen konventionellen Zug,
wenn auch in stark abgeschwächtein Grade,
herüber. Am Churer Altar, um ein Bei-
spiel anzuführen, kann man bei den beiden
stehend abgebildeten Jungfrauen diese Eigen-
schaft noch deutlich wahrnehmen. Eine aus-
gesprochene aufrechte Haltung, wie sie sowohl
der Madonna als auch den Figuren in dem
Altar in Mettenberg zukommt, dürfte somit
ein nicht zu übersehender Fingerzeig sein.

Sodann versteht es Schramm, seine Figuren
zu individualisieren, d. h. geistig per-
sönlich zu beleben und den Ausdruck, den
er geben will, wirklich denselben zu ver-
leihen. Das trifft auch bei der hl. Katharina
und Barbara zu. Ihr Gemütsausdruck ist
freilich ein ganz anderer, als bei sämmt-
lichen Figuren der Ravensburger Skulptur

von Schramm; es ist der Ausdruck des
innern Friedens und der Beseligung. Aber
d i es er Ausdruck ist dem Künstler gelungen,
wie er nicht jedem gelingen mag; dieselben
stehen darin der Madonna nicht nach. Die
Zahl der Meister aber, welche hier konkurriren
können, ist gewiß nur eine sehr beschränkte.
Korrekte Formgebung, Schönheitssinn und
geistige Belebung sind hier vereinigt, sowohl
bei der Madonna, als bei den Jungfrauen.

Den Ausschlag aber könnte geben die un-
verkennbare Uebereinstimmung in jenen Theilen
des Antlitzes, welche nicht von der momen-
tanen G emüts st immun g in Mitlei-
denschaft gezogen werden. Das ist das läng-
liche Oval des Gesichtes; dann Stirne,
Wangen und Kinn. Rach unserem Auge
besteht eine diesbezügliche unverkennbare
Uebereinstimmung der Madonna besonders
mit der hl. Katharina. Diese physiognomische
Ähnlichkeit ist keineswegs eine nur allge-
meine. Sie besteht nicht, oder nur in viel
geringerem Grade, schon bei der hl. Barbara,
die dem Altar in Mettenberg als Seitenstück
der Katharina einverleibt ist und auch ur-
spünglich zu ihr gehörte. Wir überlassen
jedoch den: Leser selber die weitere Vergleich-
ung. Mund und Augen hängen in ihrer
Gestaltung allzusehr von der Gemütsstim-
mung selbst ab, als daß auf sie ein entscheiden-
des Gewicht gelegt werden könnte. Der Unter-
schied in der Gewandung der Madonna
einerseits und der Jungfrauen im Metten-
berger Altar andererseits kann auch nicht
stören, wenn man bedenkt, daß der um den
Leib geschlungene Mantel der letzteren zu
einer viel reicheren Faltenbildung Anlaß bietet,
als der offene Mantel der Madonna und
das Skapulier derselben. Eine Vergleichung
mit dem Reliefbild des Kirchenlehrers vom
gleichen Ort könnte nur iu den ganz all-
gemeinen Zügen ausgeführt werden und kann
deshalb unterbleiben. Es legt sich aber nahe,
die Madonna auch noch mit anderen Figuren
zu vergleichen, nämlich mit jenen von Eris-
kirch, welche von Dursch schon 1819 nach
dieser Seite hin ins Auge gefaßt worden sind.

Man sieht daraus alsbald, daß Dursch
nicht bloß die Madonna selbst gesehen hat,
sondern dieselbe mit scharfen Augen betrachtet
hat. Die schlanke Gestalt dieser Figuren
und der gelungene Ausdruck der eigenthüm-
lichen Gemütsbewegung treffen auch hier
zu, und in diesen beiden wichtigen Merkmalen
liegt die relative Berechtigung der Auffassung
vou Dursch. Aber Stirne, Wangen, Kinn,
die ganze Gestaltung des Antlitzes in den
mehr stereotypen, d. h. von der Gemüts-
bewegung nicht direkt beeinflußten Gesichts-
theilen, sind hier sichtlich anders gebildet. Somit
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