Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 102
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sind sie auch weniger geeignet, eine engere
Verbindung herzustellen. Man kann gewiß
nicht sagen, daß ein Künstler seinen Typus
stets wiederholen müsse. Aber wenn derselbe
einen andern Typus bei einer andern Figur
vorführt, so mangelt hier eben die so wün-
schenswerthe konkrete Verbindung, die man
gerade herznstellen und zu finden sich bestrebt.

Dazu kommt noch die abweichende Be-
handlung des Faltenwurfs bei den Jung-
frauen von Eriskirch. Auch hier wieder
kommt der Auffassung von Dnrsch zu statten,
daß die Figur Nr. 8 des Katalogs (nach
unserer Auffassung: die thörichte Jungfrau)
eine ebenso schwache oder noch schwächere
Entwickelung des Faltenwurfs darbietet, wie
die Madonna. Dieser Umstand ist jedoch
nur darin begründet, daß bei beiden Figuren
der Mantel vorne geöffnet und nicht um den
Leib geschlungen ist. Bei solcher Gewandung
ist es unthnnlich, der Draperie eine reichere
Gestaltung zu geben. Die andere Figur aber
von Eriskirch (Nr. 6 des Katalogs, nach
unserer Auffassung: die kluge Jungfrau)
bietet das Bild einer voll entwickelten Falten-
fülle des Gewandes dar. Aber hier liegt
nun auch, nach unserer Meinung, das Hin-
derniß, woran die Auffassung von Dnrsch
scheitert. Der Faltenwurf ist hier unge-
brochen; die Falten laufen in fast regel-
mäßiger parabolischer Gestalt. Dies, sowie
die Behandlung des Gewandsanmes läßt
diese Figuren nicht in das Zeitalter von F.
Schramm (Ende des 15. Jahrhunderts) ver-
setzen, sondern verweist dieselben in den
Anfang des gleichen Jahrhunderts.*) Aber
eine gewisse Beziehung des Meisters der
Madonna von Ravensburg zu dem Meister
der Figuren von Eriskirch könnte doch be-
stehen. Könnte nicht Schramm ein Schüler
jenes „geschickten Bildhauers Keltenofer" ge-
wesen sein, der um 1437 in Ravensburg
arbeitete und dem möglicher Weise die Eris-
kircher Figuren zugehören? Die Zeit würde
recht gut znsammenstimmen und es wäre
möglich, daß zu Ruß und Schramm noch
ein weiterer Meister des 15. Jahrhunderts
in Ravensburg hinzukommt, von denen jeder
Tüchtiges geleistet hat.

Wir fügen schließlich nur noch die Bemer-
kung hinzu, daß wir bei einem Besuch in
Eriskirch (in diesem Frühjahr) zu der Ueber-
zeugnng gelangt sind, daß auch die beiden
in der dortigen Pfarrkirche (Chor und Schiss)
ausgestellten zwei Madonnenbilder ans der

*) Wir sind darauf etwas näher eingegangen in
einem Artikel des „Archiv für christliche Kunst",
Jahrgang 1889, S. 39 und folgende, worauf
wir hier verweisen.

gleichen Zeit und wahrscheinlich aus der
gleichen Werkstätte sind, wie die von Dnrsch
seiner Zeit von dort erworbenen Statuen.
Sowohl der Faltenwurf der Gewänder, als
die Behandlung des Saumes der Mäntel
sind ganz übereinstimmend.

Die Hreskobilder in der Sasa Bartholdy
in Rom und deren Uebertraaung nach
Berlin.*)

Habent sua fata libelli, „Bücher haben ihre
Schicksale". Daß auch die Werke der bildenden
Kunst ihre Schicksale, zum Theil die mannigfal-
tigsten, haben können, beweisen die archäologischen
Funde von Pompeji und Pergamon, die längst zur
Kenntniß der gebildeten Welt gekommen sind.
Nur wenig bekannt ist ein Ereigniß der neuesten
Zeit, das uns mit der Intimität der Blutsver-
wandtschaft nahe tritt: die glücklich vollzogene
llebertragung der acht Fresken von Cvrnelius,
Overbeck, Veit und Schadow aus der Casa Bar-
tholdy in Rom in die Nationalgallerie in Berlin,
und damit deren Rettung vor unvermeidlicher
allmählicher Zerstörung oder vor plötzlichem
Untergange, ein Ereignis, dem ein lebhaftes
vaterländisches und knnstgeschichtliches Interesse
entgegengebracht zu werden verdient. Sind doch
diese Bilder, abgesehen von Erfindung und Dar-
stellung eine Hinterlassenschaft von großen Söh-
nen unserer Nation, ein Ausweis über die von
denselben neu aufgefundene Freskotechnik und,
gemalt im Jahre 1816, der wuchtige Anfang
einer neuen deutschen Kunst. Die Entstehungs-
geschichte der Bilder möge hier eine Stelle fin-
den, um durch Mittheilungen über die Abnahme
und llebertragung von Rom nach Berlin fort-
gesetzt und abgeschlossen zu werden.

Unzufrieden mit dem Unterricht an der Aka-
demie in Wien — im Anfänge unseres Jahr-
hunderts die erste hohe Schule der Kunst — ver-
einigten sich sechs junge Kunstschüler, um auf
eigenen Wegen, durch gegenseitige Korrektur der
Arbeiten, durch rückhaltlosen Gedankenaustausch
eine bessere Kunstübnng zu gewinnen, „um viel-
leicht so nach und nach die Kunst von der jetzi-
gen Ausartung auf den Weg der Wahrheit zu-
rückführen zu können". sBinder, Overbeck S. 92.)
Ihr Motto sollte die „Wahrheit" sein, und nach
dem heiligen Lukas, dem Schutzpatron der Kunst,
nannten sie sich „St. Lukasbruderschaft". Zwei
der Mitglieder, I. Sutter aus Wien und I.
Wintergerst, geb. 1783 in Schrezheim bei Ell-
wangen, blieben nothgedrnngen in Wien, die an-
dern reisten alsbald nach Rom. Es waren I.
Hottinger und Lud. Vogel ans Zürich, Franz
Pforr aus Frankfurt a. M. und Friedrich Over-
beck aus Lübeck, wo sein Vater Christian Adolf

*) Quellen: „Die Kunst für Alle", Heft 15,1889,
und Friedr. Overbeck, sein Leben und Schaffen,
geschildert von Margaret Howitt, heransgegeben
von Frz. Binder. Freiburg 1887. Vielfach be-
nützte ich den Wortlaut, ivobei ich nur bedauerte,
da§ so viel des Lesens- und Beherzigenswerthen
unberücksichtigt bleiben mußte.
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