Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Präsident des Obergerichts und Bürgermeister
war, von dessen poetischer Begabung volksthüm-
liche Lieder Zeugnis ablegten. Sein Sohn
Friedrich, geboren 1789, war der jüngste der
Wiener Genossen und sollte der berühmteste
werden. In Rom waren dieselben mit ihren
Bestrebungen lange nicht so isoliert; von älteren
Künstlern waren dort Thorwaldsen, Koch und
Schik in Verfolgung ähnlicher Zwecke ihnen vor-
angegangen. Nachdem ihre Wohnung in der
Villa Malta bald aufgegeben werden mußte,
fanden die Lukasbrüder in den verlassenen
Räumen des Klosters San Isidor eine Unter-
kunft, wie sie kaum passender zu denken war.
Wie Claudius Lavergne in Paris versichert, war
es Lethi^re, der Direktor der französischen Aka-
demie in Rom, welcher den deutschen Künstlern
die Erlaubniß erwirkte, in den verlassenen Räu-
men sich einzurichten. Die erstaunlich geringe
Miete war nach Professor Voegelin's Mono-
graphie über Ludwig Vogel, monatlich drei
Scudi. Das Refektorium war ihr Zeichensaal,
wo sie sich wechselweise Modell standen oder nach
Pforrs großem Mantel Draperiestudien zeichneten.
Den vorausgegangenen vier Lukasbrüdern folgte
„der Erzschwabe" Wintergerst nach Rom, seine
Ankunft wurde mit einem Freudenmahle gefeiert,
— (a. a. O. S. 168) den neuern Kunstschulen
aber ein lautes Pereat gebracht und dabei die
Flaschen zertrümmert, zum Zeichen, daß es so
der Afterkunst ergehen soll! Dieser leidenschaft-
liche Ausbruch mag als eine Anmaßung er-
scheinen. Doch blicken wir in Overbecks Tagbuch,
wo es unter dem 21. September 1811 heißt:
„. . . Demütige dein Herz vor Gott, und werde
wie ein Kind vor ihm; laß allen Trotz fahren
und alles Selbstgefühl und achte dich für nichts
vor ihm; und denke, daß alles, was du bisher
geleistet und zu Stande gebracht hast, du nur
durch seine Hilfe vermocht hast. . ." Angesichts
solcher Stellen, deren sich viele finden, erscheint
jenes lärmende Verdammungsurtheil über die da-
malige Kunstübung eher als der bündigste Aus-
druck einer — vielleicht durch schwere innere
Kümpfe gewonnenen — künstlerischen Ueber-
zeugung. Um jene Zeit kam Peter Cornelius
nach Rom und war eine Hauptstütze des jungen
Malerbundes. Den Beinamen der „Nazarener",
der den Lukasbrüdern auch gegeben ward, erhielten
sie von ihrer strengen Kunstrichtung und ihrer
klösterlichen Lebensweise. Die Veränderungen
des Bundes durch Tod, Abreise und neuen Zu-
wachs ersehen wir bei der Albrecht Dürer-Feier
am 20. Mai 1815 bei Cornelius. Die Gelade-
nen waren: Overbeck, der Maler und der Bild-
hauer Schadow, Joh. Veit, Scheffer, Platner,
Ruscheweyh und Sieg. In Overbeck und Scha-
dow, beide 26jährig, dem 31jährigen Cornelius,
und dem im November 1815 hinzugekommenen
Philipp Veit, geboren zu Berlin 1793, der die
Befreiungskriege mit Auszeichnung durchgemacht
hatte, haben wir die — einstweilen noch ahnungs-
losen — künftigen Maler der Casa Bartholdy.

In demselben Jahre kam als preußischer Ge-
neralkonsul ein Mann von jüdischer Herkunft
nach Rom; er war im 37. Jahre, hieß früher
einfach Jakob Salomon, und hatte sich, nachdem
er sich hatte taufen lassen, den Namen Bartholdy

beigegeben. Obgleich Protestant wurde er der
Biograph seines Gönners,^des Kardinal Con-
salvi. I. Sal. Bartholdy besaß Kunstsinn und
Geschmack, und sein Wunsch, ein Zimmer seines
— nur gemietheten — Hauses auf dem Pincio
mit Arabesken zu schmücken, führte zu dem von
Cornelius und seinen Genossen freiwillig erwei-
terten Auftrag. Hiebei opferte Bartholdy seinen
halben Gehalt, Philipp Veit verzichtete ganz auf
Bezahlung und die andern Maler begnügten
sich mit dem zum Leben Nothwendigsten. Denn
ihnen war es vornehmlich um den Anfang einer-
monumentalen Malerei zu thun, „so daß," wie
Cornelius am 3. November 1814 au Görres
schreibt, „von den Wänden der hohen Dome, der
stillen Kapellen und einsamen Klöster, der Raths-
häuser und Hallen herab alte befreundete Ge-
stalten in neuerstandener frischer Lebensfülle, in
holder Farbenpracht auch unserm Geschlechts
sagten, daß der alte Glaube, die alte Liebe und
mit ihnen die alte Kraft der Väter wieder er-
wacht sei". Es wurde die Geschichte des

ägyptischen Joseph gemalt, von Cornelius:
Traumdeutung und Wiedererkennung der Brü-
der; von Schadow: das blutige Kleid wird dem
Vater gebracht und Joseph im Kerker; von Veit:
Joseph und Potiphars Frau und die Allegorie
der sieben fetten Jahre; von Overbeck: der Ver-
kauf Josephs und die sieben magern Jahre,
lieber das Malen selbst schreibt O. Donner von
Richter in der „Kunst für Alle": „. . .
während der langen Jahre von Wirren und
Zerstörungen, welche die französische Revolution
allenthalben hervorgerufen hatte, war die Aus-
übung der Freskomalerei auch in Rom gänz-
lich in Vergessenheit geraten, so daß es den jungen
Künstlern schwer hielt, sich über die Bedingungen
derselben nähere Kenntnisse zu verschaffen. Doch
gelang es ihren Nachforschungen — wie Philipp
Veit mir selbst erzählt hat —, zu ermitteln, daß
in dem Sabinergebirge ein alter Maurer noch
lebe, welcher als junger Mann Gehilfe von
Raph. Meugs (ff 1779) bei seinen Fresko-
malereien gewesen war. Diesen suchten sie auf,
nahmen ihn mit nach Rom, ließen nach seinen
Angaben den Bewurf machen und hatten ihre
Freude an dem muntern Alten, der sich halb
todt lachen wollte, wenn er die Verlegenheiten
sah, in welche die Künstler bei ihren ersten Ver-
suchen gerietheu. Als die Bilder fertig waren,
war der Erfolg für die Maler nicht nur in Rom
ein durchschlagender, sondern auch in Deutsch-
land, wo die Kartons zu den Bildern ausge-
stellt waren. Die unmittelbare Folge war, daß
Cornelius und Overbeck den Auftrag bekamen,
die Villa Massimi auszumalen. Während Over-
beck, der im Jahre 1813 vom Protestantismus
zum Katholizismus übergetreten war, dauernd
in Rom blieb, wurde Cornelius nach Düsseldorf
und von König Ludwig I. von Bayern zur Aus-
führung der großen bekannten Aufträge nach
München berufen. Philipp Veit ging nach
Frankfurt und Schadow wurde Direktor der
Akademie zu Düsseldorf, und wenn Overbeck schon
im Jahr 1814 von Rom an den Freund Sutter
in Wien schreibt, „daß sich hier ein Kreis von
Männern ausbildet, die einst ihrem Vaterlande
noch viel Schönes liefern werden und zerstreut
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