Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 105
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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Rnnft.

kferausgegeben und redigirt von Professor Dr. Koppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die wiirttemb. (M. 1. 90
im Stnttg. Bcstellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstaltcn,
jt fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden tQQ^
H. auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags lOOy»
direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbausstrahe 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Moderne Malerei.

Im Anschluß an die Münchener Jahresansstellnng.

Die starke Betheiligung an der vorjäh-
rigen Jubiläums-Ausstellung seitens der
Künstlerschaft und seitens des Publikums
gab den betheiligten Kreisen den Mnth, von
jetzt an die Veranstaltung alljährlich wieder-
kehrender Ausstellungen in dieser Stadt ins
Auge zu fassen. Der erste Versuch, der
dieses Jahr gemacht wurde, mißlang in-
sofern nicht, als in den Glaspalast rund
1700 Werke der Malerei und Skulptur
ans allen Ländern eingeführt werden konn-
ten — eine bedeutende Zahl, wenn man
bedenkt, daß dies meist im Laufe des letzten
Jahres geschaffene Werke sind und daß
gleichzeitig die Pariser Ausstellung eine
Unzahl moderner Leistungen der Malerei
und Skulptur beherbergt. Mit der Be-
theiligung des Publikums dagegen scheint
man dieses Jahr nicht zusrieoen zu sein
und vice-vergu sind sehr viele Besucher
der Ausstellung mit dieser nicht zufrieden,
so daß es immerhin fraglich erscheint, ob
eine jedjährliche Wiederholung zu Stande
kommen wird.

Schreiber dieses hatte nicht die Absicht,
die Leser des „Archivs" mit einem Bericht
über die Jahresausstellung zu behelligeu,
nachdem er im vorigen Jahr die Jubiläums-
ausstellung einer eingehenden Besprechung
unterzogen; aber je länger er in den Räumen
des Glaspalastes umherwandelte, desto mehr
drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, daß
es nicht recht wäre, die in mehr als einer
Hinsicht symptomatisch bedeutsame Aus-
stellung im Schweigen und Ignorieren,
oder unter dem von andern Seiten osten-
tativ oder sinnlos gespendeten Lob und
Lorbeer zu begraben. Im Zusammenhalt
namentlich mit der vorjährigen Ausstellung
läßt die diesjährige klar erkennen, einmal
welch fieberhafte Thätigkeit gegenwärtig in

den Künstlerkreisen herrscht, sodann in wel-
chen Krisen und Wehen die Malerei —
die Skulptur, herzlich schwach vertreten,
kann füglich außer Betracht bleiben —
gegenwärtig befangen ist, ohne daß man
zur Stunde sagen oder ahnen kann, ob
aus diese:: Wehen eine neue Kunst oder
ein ridiculu3 mus oder Schlimmeres her-
vorgehen werde.

Das Hauptproblem, welches auch diese
Ausstellung wieder in den Vordergrund
rückt, bezieht sich, wie sich denken läßt,
auf die moderne, aus Frankreich importirte
Richtung der Hellmalerei. Ehe wir
aber hieraus eingehen, drängt uns unser
Gewissen zu einem lauten und energischen
Protest gegen die empörend große Zahl
von lasciven und obscönen Nuditäten, die
auch dieses Jahr wieder Eingang in den
Glaspalast gefunden haben. Nicht bloß
Namens der Religion und Sittlichkeit, auch
Namens der Kunst erheben wir unsere
Stimme gegen die unerträgliche, jedes halb-
wegs gesunde, moralische Gefühl beleidigende
und anekelnde Jndecenz, welche frech und
schamlos sich breit macht in den Bildern
von Falguiere (Juno), Papperitz (Hebe
nach ihrem Fall), Mege du Malmont (am
Ufer der Ivette), Gustav Majer (Ana-
dyomene), Coesstn de la Fosse (Diana),
Bonnat(Jdylle), Douba(Abisag), Klincken-
berg (Walpurgisnacht) u. a. Man muß
es wieder und wieder sagen, wie tief die
moderne Kunst sich mit solchen Leistungen
unter die antik-heidnische stellt. Es ist
vollständig wahr, was der tiefsinnige Abbe
Roux sagt: „Die Antike bekleidete den
menschlichen Körper mit Schani und Hoheit,
die moderne Kunst entkleidet selbst das
Nackte; Athen goß die Seele über das
Fleisch aus, Paris (leider nicht mehr allein)
gießt das Fleisch über die Seele; die
griechische Statue errötet, die moderne macht
erröten." Man muß das wiederholen und
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