Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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durch sie ist nicht in Abrede zu ziehen.
Daß durch die bisherige Malweise die
Naturfarben eine gewisse Verdunklung er-
fahren haben, ist ebenso zuzngestehen. Es
ist ja auch, wie Ramberg (Hellmalerei.
Ein Spaziergang durch den Münchener
Glaspalast im Sommer 1889. München,
Franz 1889, S. 4) ganz richtig sagt, fast
selbstverständlich, daß im Zeitalter des
elektrischen Lichtes heller gemalt wird, als
im Zeitalter des Oellämpchens. Für viele
Scenen kann man die malerische Behand-
lung der Pleinairisteu ganz sachgemäß finden,
namentlich für solche, die im Freien vor-
geführt werden nnd für gewisse Landschafts-
bilder. In höchst vernünftiger Weise hat
die vielgeschmähte religiöse Malerei von
uralten Zeiten her von der Kunst der Hell-
malerei Gebrauch gemacht nnd sich ihrer
bedient als eines Hauptmittels, um die
Verklärung durch Gnade und Glorie an-
schaulich zu machen (vgl. die Glorien und
Mandorlen).

Wenn nun aber die Hellmalerei so be-
trieben wird, daß Kremserweiß unbedingt
als Hanptfarbe, ja als einzig berechtigte
Farbe zur Verwendung kommt, so ist das
eine Einseitigkeit, mit welcher die Pleinai-
risten allen gesunden Gesetzen des Kolorits
wie der Natnrwahrheit ins Antlitz schlagen,
die sie doch für ihr oberstes Gesetz aus-
geben. Scymanomski's Pierette, die mit
weißem Kleid nnd weißem Hut vor einem
weißen Bettlacken sitzt, wie Franz Stucks
sog. Jnnocentia, die eine angekreidelte Fläche
zum Hintergrund, eine verkalkte Leinwand
zum Kleid nnd eine weiße Lilie in der
Hand hat, während das Gesicht es höchstens
zum Ausdruck der sancta simplicitas
bringt, sind doch eigentlich beide trotz aller
tünchnerischen Fertigkeit lediglich ins Kapitel
der Verirrungen zu stellen. Nein, nein,
ihr Herren Hellmaler, so kreideweiß ist die
Natur nicht, so könnte sie höchstens dem
Gipser, nicht dem Maler erscheinen, und
auch ihr gehöret mehr dem Gewerbe der
ersteren an!

Noch fundamentaler nnd unheilvoller aber
ist der andere Jrrthnm, daß Farbe und
nichts als Farbe das Wesen des
Gemäldes ausmache und daß hinter
der Farbe die bestimmte Zeichnung, die
fest ordnende Komposition zurücktreten könne
oder solle, weil ja auch aus der Natur

' das Auge nicht Linien-, sondern nur Farbeu-
eindrücke aufuehme. Ein folgenschwerer
technischer Grundirrthum. Auch in der
Natur ist überall die Linie Grund, Grenze,
Halt und Kraft der Farbe. Nimiuni ne crede
colori! Farbe ohne Linie ist Nebel, ist
haltlos und sinnlos, ist Klecks. Und wie?
Die Farbe soll selbst den Gedanken, den
Geist, die Idee ersetzen und überflüssig
machen! Nur aus dieser Grundanschauuug
sind viele von den hellgemalten Bildern
zu erklären, ja diese Anschauung wird
geradezu als Kanon ausgesprochen. Ram-
berg sagt in seiner oben citirten Broschüre
S. 2: „Unsere Bilder (der früheren Zeiten)
erzählten, erfreuten, erregten und erschüt-
terten, sie docirten auch nicht selten Ge-
schichte und andere Wissenschaften, aber
sie waren fast niemals rein malerisch empfun-
den und rein malerisch durchgeführt." Daun
wird Makart als Messias der deutschen
Malerei gepriesen, weil er „gegen die Ana-
tomie zuweilen sündigte, die zeichnerische
Richtigkeit manchmal verletzte, Sitte und
Gebrauch außer Acht ließ, Beziehungen
herstellte, die im Leben unmöglich sind:
alles, um sein Bedürfniß nach harmonischem
Zusammenwirken der Farben zu befriedi-
gen". So sei nun auch den Hellinaleru
die koloristische Wirkung das erste Gebot:
„Sie verzichten darauf, Novellen zu malen
und Witze; es genügt ihnen, einen Baum
darzustellen, eine Magd im Freien, einen
Burschen auf dem Felde, eine Kuh auf
der Waide, wenn nur das Stück Natur,
das sie festhalten, eine anregende Farben-
erscheinung gibt."

Hier wird also eine Farbenkunst ge-
rühmt, die lediglich bloß sich ans Auge
wendet, dagegen dem Geist gar nichts mehr
zu sagen hat. Nicht bloß kein Ideal mehr,
auch kein Gedanke, kein Gefühl, keine
Poesie, kein Pathos mehr. Ihr Vertreter
der Aesthetik, was saget ihr zu solchem
Kunstprinzip? Werdet ihr Bilder als
Kunstwerke gelten lassen, au welche man
sich vergeblich mit der Frage wendet: Bild,
was willst du mir sagen? Wird man
Gemälde, die in gar keiner Weise eine
geistige Beziehung Herstellen zwischen dem
dargestellteu Gegenstand und der Person
des Beschauers, überhaupt als Geistes-
werke bezeichnen können? sind sie nicht
vielmehr rein mechanische Produkte einer
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