Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Farbenmalmaschine, die insofern noch unter
den Bildern des Kaleidoskops stehen, weil
Lei diesen doch die Linie ordnend zur Farbe
tritt?

Gedankenlose, nichtssagende Bilder sind
aber noch nicht die schlimmsten Leistungen
der Hellmalerei. Sie hat vielfach auch
einen Herzeusbund mit dem Häßlichen
eingegaugen und ans dieser erschreckend
fruchtbaren Verbindung sind eine Masse
von Geschöpfen hervorgegangen, die eben
auch nur wieder häßlich sein können. Die
Kunst im Verein mit dem Häßlichen? Das
hätte ja doch zu allen Zeiten als eine
contrnckictio in ncljectv gegolten. Es kann
sich für die Kunst die Nothwendigkeit er-
geben, das Häßliche zu berühren, aber dann
glaubte man zu jeder Zeit, es müsse das
mit jener Behutsamkeit geschehen, mit wel-
cher eine reine Hand im Nothfalle mit
den äußersten Spitzen das Häßliche berührt,
ängstlich bemüht, sich nicht damit zu be-
schmutzen. Aber hier watet die Kunst mit
Behagen im Sumpfe der Häßlichkeit um-
her, und eben das Häßliche in der Natur
sucht sie mit Vorliebe aus für ihre Wieder-
gabe. Wie will sie aber dieses Abirren
vom Pole der Schönheit rechtfertigen?
Sie nimmt eine großartige Pose an und
nennt mit Emphase als ihr oberstes Prinzip
die Wahrheit, der sie auch um den
Preis der Schönheit nicht abtrünnig wer-
den wolle. Wahr mal er nennen sich diese
Pleinairisten, mit einem verächtlichen Sei-
tenblick auf die Schönmaler. Aber, muß
man da fragen, ist denn etwa nur das
Unschöne und Häßliche in der Natur- und
Menschenwelt wahr? Ist das Schöne und
Harmonische weniger wahr als das Häß-
liche ? Müßt ihr denn unbedingt, um eurem
Bedürfniß nach Wahrheit zu genügen, eure
Hände nach dem ausstrecken, womit die
wahre Kunst nie sich befaßt hat außer im
Nothfall, und auch da nur mit aller Scheu
und Vorsicht. Ihr scheinet gar nicht zu
ahnen, daß hier ein großes ästhetisches
Prinzip in Frage kommt, gegen welches
eure Pinsel roh sich verstoßen. Schon
Lessing, dessen Laokoon leider in der
Kunstwelt so gut wie vergessen ist, hat
dieses Prinzip klar ausgesprochen und aus
der antiken Kunst nachgewiesen, wie in
Voraussicht der großen pleinairistischen
Verirrung.

„Der griechische Künstler," heißt esLaookon I, 2,
„war zu groß, von seinen Betrachtern zu ver-
langen, daß sie sich mit dem bloßen kalten Vor-
zug, welcher aus der getroffenen Aehnlichkeit, aus
der Erwägung seiner Geschicklichkeit entspringt,
begnügen sollten; au seiner Kunst war ihm nichts
lieber, dünkte ihn nichts edler, als der Endzweck
der Kunst. Wer wird dich malen wollen, da dich
niemand sehen will, sagte ein alter Epigrammist
über einen höchst ungestalten Menschen. Mancher
neuere Künstler würde sagen: sei so ungestalt als
möglich, ich will dich doch malen; mag dich schon
niemand gern sehen, so soll man doch mein Ge-
mälde gern sehen, nicht insofern cs dich vorstellt,
sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist;
die ein solches Scheusal so ähnlich nachznbilden
vermag. Freilich ist der Hang zu dieser üppigen
Prahlerei mit leidigen Geschicklichkeiten, welche
durch den Werth ihrer Gegenstände nicht geadelt
werden, zu natürlich, als daß nicht auch die
Griechen ihren Pauson, ihren Pyreicus sollten ge-
habt haben. Sie hatten sie, aber sie ließen ihnen
strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der
sich noch unter dem Schönen der gemeinen Natur
hielt, dessen niedriger Geschmack das Fehlerhafte
und Häßliche an der menschlichen Bildung am
liebsten ansdrückte, lebte in der verächtlichsten
Armut. Und Pyreicus, der Barbierstuben, schmutzige
Werkstätten, Esel mit Küchenkräutern malte, als
ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz
hätten und so selten zu erblicken wären, bekam
denZnnameu des Rhyparographen, des Kothmalers.
Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit
nicht für unwürdig, den Künstler mit Gewalt in
seiner Sphäre zu erhalten. Das Gesetz der The-
baner, welches ihm die Nachahmung ins Schönere
befahl und die Nachahmung ins Häßlichere bei
Strafe verbot, ist bekannt."

Gewiß beachtenswevthe Worte, wie ge-
schrieben für die pleinairistische Bewegung.
Hätten wir nur ein solches thebanisches
Staatsgesetz für unsere heutigen Rhyparo-
graphen. Aber ein anderes Gesetz wird
über sie kommen, jenes, das Pauson in
Zucht und Strafe nahm: das Gesetz des
Hungers und der Verachtung. Sie haben
sich vergeblich bemüht unb werden sich ver-
geblich bemühen, Käufer für ihre Bilder
zu finden.

Selbst erste und zweite Medaillen konn-
ten denselben keine Liebhaber zuführen;
wer könnte auch das Häßliche lieb haben,
und wer wäre so unsinnig, seine Gemächer
mit Häßlichkeiten ausschmücken zu wollen,
seine Wohnung mit Bildern auszustaffiren,
die er nüchtern nicht anschauen kann, ohne
daß ihtn übel wird, die seinen Gästen und
Besuchern Erbrechen verursachen könnten,
seiner Frau und seinen Kindern Nerven-
krämpfe? Ich konnte mich nicht ent-
schließen, ein Ausstellnngsloos zu kaufen, so
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