Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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schmeichelnd mir dieselben angeboten wur-
den; denn mich befiel die geradezu Ent-
setzen erregende Furcht, ich könnte etwa
„Die erste Kommunion" von H. Neu-
haus gewinnen, welche durch ein hexen-
mäßiges, weiß gekleidetes und verschleiertes
Mädchen mit unsäglich blödsinnigem Ge-
sicht dargestellt werden soll; oder „Die
Versöhnung" von Müller-Maßdorf mit der
Männer- und Frauengestalt von phäno-
menaler Häßlichkeit und dem wüsten
Rangen im Hintergrund, — die Versöh-
nung, bei der überdies kein Mensch finden
kann, wer mit wem worüber versöhnt
werden soll; oder das grau-schwarz-weiße
Bild von Emil Lagier: „Die Lumpensamm-
ler", in welchem der Meister insofern noch
gnädiges Erbarmen mit dem Beschauer
kundgibt, als er nur bei einem der Lum-
penmädchen das Gesicht sehen läßt, aber
das eine ist schrecklich genug, um nie mehr
vergessen zu werden; oder „Die Einschif-
fung von Vieh" von Gaston Guignard,
welche uns in höchst geschmackvoller Weise
etliche fünfzig Hintertheile von Ochsen
nebst einem Schisse sehen läßt; oder das
Entsetzen erregende Bild von Leon Abry,
welches in der Mitte zwischen zwei im
Bett liegenden ekelig häßlichen Spitälern
den Dichter Gilbert zeigt, ebenfalls im
Bett liegend, nicht bloß durch die entstel-
lende Hand der Krankheit, sondern auch
durch die der Schuld und Sünde herunter-
gebracht, — wie er dichtet! oder „Die
Vorleserin" von Adolf Echtler mit ihrem
halbmeterlangen Mund; oder „Ein Lied"
von Theodor Gruft, vier singende pietist-
ische Jungfrauen oder Diakonissen, welche
mit ihren Gesichtern die Identität von
Dummheit und Andacht behaupten; oder
„Das Zwiegespräch" von Max v. Schmä-
del, bei welchem offenbar das milchtragende
Mädchen das andere fragt: „Ist dir's
auch so dumm im Kopf wie mir?"; oder
„Die Waise" von Karl Kricheldorf, die
doppelt zu beklagen ist, weil sie eine Hexe
zur Großmutter und weil sie einen völlig
verwachsenen Leib hat; oder „Den alten
Waldhüter" von Gleichen-Rußwurm, dem
armen Tropfen, der von der Schmiere
nicht mehr loskommt, gleich einer Mücke
auf dem Leim; oder „Die Ziegenhirtin"
von Strobeutz, deren unmenschlich großer
Kopf Heuvorräthe für ihre Ziege zu bergen

scheint; oder „Das träumende Kind" von
Tamburini, das träumen, also doch wohl
schlafen soll, in Wahrheit aber niest; oder
„Das Bauernmädchen vom Odenwald" von
Heinz Heim, eine wahre Apotheose der
Dummheit und Stupidität. Ein solches
Bild zu gewinnen —- furchtbarer Gedanke!
Wer möchte das einen Gewinn neunen?
Und wer, der noch der naiven Anschauung
ist, daß die Kunst das Leben verschönern
soll und daß man Gemälde in seinem
Zimmer anbringt, um einen erhellenden
Strahl der Kunst ins alltägliche Leben zu
leiten, wer möchte auch nur die kleinste
Summe ausgeben, um durch den Ankauf
solcher Bilder des Lebens Häßlichkeiten
noch künstlich zu vermehren?

Hier hat in der That der gesunde Sinn
des Publikums sich bewährt; die Bilder
der Hellmaler haben sich zum großen Theil
als unverkäuflich erwiesen. Bloß Galle-
rien haben einzelne angekauft, vermutlich
als abschreckende Beispiele. Die beiden
über die Jahresausstellung erschienenen Bro-
schüren, die von Ramberg und eine namen-
los publizirte (Die Malerei aus der ersten
Jahresausstellung 1889 zu München.
München, Freund 1889), heben denn auch
diesen Punkt hervor und wenden ihn zum
Ruhme der Hellmaler: „ideale Anschauung
darf man also den heutigen Hellmalern
nicht rundweg abstreiten; sie schaffen un-
verkäufliche oder doch schwer verkäufliche
Bilder, weil sie ihre Grundsätze nicht ver-
leugnen wollen"; „abseits der Heeresstraße
gehen sie dem verlockenden Dämon, Geld
genannt, aus dem Wege, um lediglich zur
Verherrlichung der Kunst einem höhern
Ziel entgegenzustreben". Ich gestehe offen,
daß ich in diesem Fall eher an verfehlte
Spekulation als an Wunder der Selbst-
losigkeit zu glauben geneigt bin. Der
Rausch der Hellmalerei hatte einen großen
Theil der Küustlerschaft befallen; mit dem
Publikum hoffte mau schon fertig zu wer-
den; die Masse, die Quantität, die Größe
der verwendeten Leinwandstücke, die schreien-
den Farben mußten ihm impouireu. Nun
sie imponirten auch dem urtheilslosen Theil
desselben, man bewunderte, aber — man
kaufte nicht; selbst dieses Theils des Pub-
likums bemächtigte sich anstatt des Ver-
langens, solche Bilder zu besitzen, ein ge-
heimes Grauen vor ihnen. Diese ableh-
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