Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 112
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Befremden und höchstes Erstaunen werden
diese kurzen Sätze erregen, nicht blost bet jedem
Katholiken, sondern auch bet jedem einigermaßen
historisch kundigen und rechtlich denkenden Pro-
testanten. Wäre hier nur der Versuch gemacht,
die unleugbar mit der Reformation, nicht erst
nüt dem 30jährigen Krieg eintretende Stockung
im künstlerischen Schassen nüt Stillschweigen zu
übergehen oder etwas zu bemänteln, so würden
wir darüber kein Wort verlieren, wiewohl es
weiser, wahrer und edler wäre, die historische
Thatsache einzugestehen. Das Vorgehen des Ver-
fassers aber vermag sich vor der historischen
Wahrheit und dem ethischen Gefühl nicht mehr
als erlaubt und ehrlich anszuweisen. Nicht bloß
soll auf protestantischer Seite keinerlei Schuld am
Nachlaß der Kunftbestrebnngcn und an vorge-
kommenen Vandalismen zugestanden werden, die
ganze Schuld wird durch einen Kunstgriff den
Katholiken zugeschoben. Nach dieser Darstellung
sind der König Ferdinand und der katholische
König Ludwig XIV. die einzigen Zerstörer und
Verwüster der Kirchen ans diesem Boden Würt-
tembergs gewesen. Um diesen Schein zu erivecken
wird kein Wort gesagt von jenen vandalischen
Akten, die dem 3Öjährigcn Kriege vorausgingen,
und wird neben Ferdinand der Name des noch
viel mehr kompromittirten Gustav Adolf von
Schweden gänzlich verschwiegen; noch stärkerund
illoyaler ist aber, daß oben durch die mit sicht-
licher Geflissentlichkeit eingefügten Worte „ganz
ans dieselbe Quelle zurückzuleitende" cutd) die
Zerstörungen unter Ludwig XIV. auf religiöse und
antikonfessionelle Motive zurückgeführt werden,
tvährend doch jedem bekannt ist, daß Religiöses
hier lediglich nicht im Spiel war, und Ludwig XIV.
ebenso katholische lvie protestantische Kirchen, katho-
lische wie protestantische Länder plünderte und
verheerte.

Wir haben uns gefragt: wie ist es möglich,
daß der Verfasser der Monographien über Maul-
bronn und Bebenhansen, der sonst leidenschafts-
los und nobel zu urteilen vermag, den Text der
ersten Lieferung durch solche Sätze entstellen
konnte, daß er hier ungeschent alle jene angeblich
Janssenschen Praktiken ins Spiel setzt: Verhül-
lung, Verschweigung, offenbare Verdrehung von
Thalsachen? Denn an bloßen Jrrthnm glauben,
hieße dem Wissen des Verfassers schwer Unrecht
thnn. Ein Satz S. 9 verrät Ursache und trei-
bendes Motiv. Dort werden wieder zunächst die
oben erwähnten zwei Kriegszüge als einzige Ur-
sache des „oft so kläglichen, schmucklosen Zustandes
der Kirchen" angegeben; dann heißt es: „Es ist
mit Nichten das Bestreben des Lutherthums ge-
wesen, die Gotteshäuser so nüchtern als möglich
zu halten; das beweisen die noch erhaltenen
Renaissance-Kirchen zur Genüge. Aber die ent-
setzliche Noth ließ keine Kunst mehr anfkommen,
machte die Geniüter stumpf gegen das Schöne
und Erhabene in der bildenden Kunst. Erst in
unseren Tagen können die einzelnen Gemeinden,
freilich auch jetzt noch in bescheidenem Maße,
daran denken, gotteswürdige Tempel anfzuführcn
oder wiederherzustellen."

Auch hier können wir unmöglich vom histori-

schen Wissen des Verfassers so gering denken, daß
wir zu glauben vermöchten, er habe dies mit
Ueberzeugung niedergeschrieben. Es wird jedem
denkenden Protestanten komisch Vorkommen müs-
sen , wenn das offenkundige Zurückbleiben in
Knnstbestrebungcn, die anfänglich feindselige, spä-
ter hartnäckig indolente Haltung gegen die Kunst
lediglich nur auf den 80jührigen Krieg zurückge-
führt wird; wurden doch von den Schrecken des-
selben die Katholiken ebenso betroffen und haben
doch sie seit Jahrhunderten die Knnstthätigkeit
wieder ausgenommen und längst wieder nicht nur
in bescheidenem, sondern in großartigem Maße
Kirchen restauriert und gebaut. Aber in diesen
weiteren Sätzen wird klar, warum der Verfasser
überhaupt diese historischen Exkurse eingefügt
hat. Offenbar sollte für protestantische
Augen gleich auf den ersten Seiten ein Bernhi-
gungs- und Lockmittel geboten werden; ihnen
sollte eine lindernde Salbe gleich am Anfang der
Lektüre aufgestrichcn werden, damit sie es leichter
ertrügen, im ganzen Verlauf des Werkes fast
nur von Katholischem lesen zu müssen.

Diese offenbare Absicht kann selbstverständlich
die Wahl des Mittels nicht rechtfertigen. War es
edel, dem einen eine Freude machen zu wollen
damit, daß man den andern grundlos ärgert? ist
cs klug, den einen Teil gewinnen zu wollen da-
durch, daß man den andern von sich stößt? war
denn hier keine Möglichkeit, durch die schlichte hi-
storische Wahrheit beide Thcile zu befriedigen?
oder sollte in der That die unselige konfessionelle
Verbitterung schon so lies in die protestantischen
Kreise unseres Landes eingedrungen sein, daß der
Verfasser nur durch solche Mittel hoffen konnte
seiner Gabe bei seinen Konfessionsgenossen Auf-
nahme zu verschaffen?

Wir bedauern im höchsten Grade, daß wir
durch die gerügten Parthien des Textes zunächst
anßer Stand gesetzt sind, das Staatswerk über
die Knnstdenkmale unseres Vaterlandes unserm
Diöcesanknnstverein von 930 Mitgliedern zur An-
schaffung empfehlen zu können, daß zunächst ein
so großer Kreis von Interessenten sich vom Ge-
nuß dieses Werkes so gut wie ausgeschlossen be-
trachten muß. Gewiß war das nicht die Absicht
der hohen Staatsregierung. Wie der geschehene
Fehler zu saniren sei, wissen wir selbst nicht zu
sagen; unserer unmaßgeblichen Ansicht nach wäre
das beste eine cmendirte Ausgabe der ersten
Lieferung; gewiß hätte gegen Aenderung bezw.
Streichung der obigen Sätze kein edeldenkender
Protestant etwas einznwenden. Die Mindestfor-
derung, ans der wir unter allen Umständen be-
stehen müssen, ist, daß der weitere Text sich aller
und jeder derartiger Expektorationen enthalte.
Wir halten auch alle weiteren Bemerkungen über
Anlage und Ausstattung des Werkes einstweilen
zurück. Nur das Eine sei hervorgehoben, daß
die Illustrationen im allgemeinen wohl befriedigen,
die vom Stift des Architekt Cades herstammenden
aber von stannenwerther Feinheit, Sicherheit und
Genauigkeit sind.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Votksblatt".
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