Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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scheint taubstumm zu seiu und was noch
schlimmer, er scheint auch nichts zu denken;
er scheint lediglich den elenden Beruf zu
haben, auf der Wand mit den unzähligen
kleinen Farbenklecksen einen großen Farben-
klecks vorzustellen. Und du sollst der
Wächter des Paradieses sein? Ach, ich
verstehe dich, natürlich nicht des Paradieses
für gewöhnliche Menschenkinder, sondern
des Paradieses für die Pleinairisten, deren
ewige Seligkeit einst wohl nach ihrer Vor-
stellung darin bestehen wird, am unend-
lichen Himmel der Farben ein Farbenklecks
zu sein. Auch Ramberg spricht dem Bild
die höhere geistige Bedeutung ab, „aber
als bloßes Farbenspiel betrachtet, bietet
die große Leinwand (sic) doch mancherlei
Reiz. Stuck hat, so glauben wir, als er
das Gemälde schuf, weder ans Paradies
noch an seine Seligkeit gedacht. Er stellte
sich einfach jene Farbenverbindung vor,
welcher nunmehr auf dem Bilde Ausdruck
gegeben ist . . . so entstand ein „Wächter
des Paradieses". Bisher quälten sich eben
die Künstler, Stoffe zu finden und dein
Publikum recht deutliche Geschichten zu
erzählen. Dadurch (!) wurde viel Schab-
lonenhaftes und Alltägliches in die Malerei
eingeführt. Die Hellmaler verzichten auf
die Erzählung und verzichten auf die Ver-
ständlichkeit" (a. a. O. S. 11). Und
das sagt man zum Lob der Hellmaler!
Welche Verirrung bezüglich der funda-
mentalsten Kunstprinzipien! Nach diesen
Grundsätzen muß die Palette des Malers
als bestes Gemälde erscheinen. H Die
armen Tröpfe, die noch nach Stoffen suchen
für ihre Gemälde; es gibt nur einen Stoff,
den Farbstoff.

Freilich — das sei zur Rechtfertigung
und theilweisen Entlastung der Hellmalerei
gesagt — auch die alte Schule der Ma-
lerei zeigte auf der Ausstellung manche

*) Aehnlich heißt es von B ö ck l i n s aberwitzigem
Bilde „Meeresstille": „Das Ganze ist so unsin-
nig als möglich, aber (!) das Bild regt zu den
seltsamsten Empfindungen an." (Ramberg S. 12).
„Böcklin kennt wohl jeder, aber wenige verstehen
ihn. Böcklin malt nicht für das große Publikum.
Es liegt doch immer ein Etwas in Böcklins Bild,
das uns imponiert, wenn wir es auch nicht ver-
stehen" (die Malerei u. s. w. S. 21). O, daß
ein Lessing erstünde und gegen solche Kritiker die
Geißel schwänge, welche die Unvernunft als Be-
weis und Kriterium der Kunstmäßigkeit offen
proklamiereic!

Schwächen, wenige tadellos vollkommene
Leistungen. In ihrer Schwäche liegt ja
eben auch die Stärke der Hellmalerei und
das Geheimniß ihres Erfolges. Ein be-
friedigendes Bild großen Stils ist eigent-
lich kaum zu nennen; das historische Ge-
mälde von W. Diez, „Episode aus dem
dreißigjährigen Krieg", verräth Phantasie
und dramatische Gabe; Eisenhuts „Kriegs-
beute" ist gut gemalt, edel und sehr dezent
anfgefaßt; Dantcks Tod von Friedrich ver-
dient nach Komposition und Ausführung
Lob. Vielen Bedenken begegnet aber das
Kolossalbild „Die Flagellanten" von Karl
Marr. Der Meister war in der Wahl
feines Themas nicht glücklich; er hat hier
entschieden zuviel auf seine jungen Schultern
genommen. Wohl zeigt er großen An-
forderungen sich gewachsen; die Veran-
lagung des Bildes hat etwas Jmponirendes;
die Architektur des Domes von Siena
gibt einen großartigen Hintergrund für
den gewaltigen, erregten Zug. Aber daß
der Maler der wahren geistigen Bedeutung
jener Bewegung irgendwie gerecht würde,
davon ist gar keine Rede; er hat Studien
gemacht in Irrenhäusern und in den Ver-
sammlungen der Heilsarmee und von
hier hat er seine Typen für die Flagel-
lanten geholt. Seine Auffassung der Sache
verräth er hinlänglich darin, daß er einen
lautfchreienden Mönch dem Zug voran-
ziehen läßt und nicht weit davon einen
andern postirt, der unziemliche Blicke auf
ein betendes junges Mädchen heftet; also
die Mönche sind Veranstalter der Bewegung,
aber sie begnügen sich, andere zur Geiße-
lung zu fanatisiren, während sie selbst
ihren Lüsten fröhnen. So malt man Ge-
schichte. Zu allem Ueberfluß reitet (!)
im Zug noch ein Bischof in pontillcalibus
als völlig müßige Figur.

Unter den Landschaften steht obenan
„Bei Neapel" von Oswald Achenbach, und
Dills „Venetianisches Fischerboot", ein Frei-
lichtbild, das man sehen kann. Die Por-
träts-Sammlung gibt viel zu denken
und zu kritisiren. In vielen Fällen möchte
man dem Inhaber des betreffenden Ge-
sichts wünschen, daß das Konterfei des-
selben auf Treue wenig Anspruch erheben
könnte. Habermanns junge Dame, stark
vornübergebeugt, spitzt den Mund, als ob
sie pfeifen wollte. Das weibliche Porträt
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