Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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von Corinth und Kellers Dame in Weiß
zeigen Gesichter von überwältigender Häß-
lichkeit; Kalckreuths lesende Dame ist im
interessanten Momente des Einschlafens
porträtirt und wirkt unwiderstehlich ein-
schläfernd auf den Beschauer; die erste
Medaille aber hätte dem Kinderporträt
von Seitz gebührt, mit den greisenhaften
Zügen und den auf den Hals herab-
gerutschten mächtigen Ohren, vom „Spott-
vogel" treffend umgetanft: Herr Oberregie-
rnngsrat N. N. seine Leibspeise erwartend.

Recht befriedigend, theilweise in ganz
vernünftiger und nicht verhehlter Nach-
ahmung der Niederländer, war das Genre
vertreten. Defreggers Brautwerbung,
Mittagrast und Studienkopf sind hier oben-
an zu setzen; dagegen in seinem historischen
Bild „Vor der Schlacht am Berge Jsel"
erreicht er freilich entfernt nicht mehr die
dramatische Kraft seines bekannten letzten
Aufgebots.

Die religiöse Malerei war auch
dieses Jahr wieder schwach vertreten, —
schwach nach Quantität und Qualität. Von
höherer Bedeutung ist eigentlich bloß die
Pieta des Hans Tichy von Wien, ein großes
Gemälde, welches den Leichnam Jesu ans
der Bahre liegend zeigt, umgeben von
Johannes und den heiligen Frauen; die
Gruppirnng der je drei Personen zu Häup-
ten und zu Füßen des Leichnams ist vor-
trefflich , die Felsenstaffage stimmungsvoll,
die Affekte zugleich lebendig und religiös
geklärt und beherrscht, die Malerei fleißig
und bis auf den blauen Schleier einer der
Frauen und den weißen der Mutter Maria
wohl befriedigend. Die Himmelfahrt Mariä
von Ludwig Löffz verleugnet die Tiziansche
Assunta nicht, dringt nicht eigentlich ins
Uebernatürliche vor, aber verdient voll das
Prädikat rein, edel und fromm. Dagegen
trifft Alois Delug in seinen heiligen Frauen
am Kreuzweg, die in einer Felsspalte den
eben am Berg heranfkommenden Zug er-
warten, den religiösen Ton nicht; die Selt-
samkeit der Situation und die Art der
Asfektsschilderung ließe eher an flüchtende
Monteuegrinerinuen denken. Von der
„Maria" des Wilhelm Volz meint selbst
Ramberg: „Hieße das Gemälde „Mädchen
im Freien" und fehlte der Heiligenschein
über dem Haupte des Backfisches, wäre
wohl die Welt im Lob einig." Eine Schwe-

ster derselben ist die „Himmelsbraut" des
Karl Voß, ein Ansbund dummer und
blöder Sentimentalität. Die Madonna
von Rayzner (Pastell) ist ein hysterisches
Bauernweib; besser die Rast auf der Flucht
nach Aegypten von Schade in Rom, fein
gemalt, etwas sentimental, aber Jesus und
einige Engel haben viel zu dicke Köpfe.
Hermann Lang in München bietet eine —
wer möchte es für möglich halten? —
völlig originelle Darstellung des Kruzifixns;
die freilich wohlfeile Originalität liegt
darin, daß er den einen Fuß bedeutend
höher annagelt als den andern; traurige
Originalitätssucht, doppelt traurig, wenn der
Maler an diesem Kunststück seinen ganzen
Geist verpufft, so daß er für das Gesicht
nicht ein Fünkchen mehr übrig hat, drei-
fach traurig, wenn er dem anatomischen
Problem, das er sich selber stellt, gar
nicht einmal gewachsen ist. Eigenthümlich
mnthet an die hl. Cäcilia von Adolf Hirschl;
die Heilige liegt todt da, geisterhafte, singende
Engel umschweben sie; draußen das Meer
und am Himmel der silberlichte Mond;
die bläuliche Farbengebung wirkt anfangs
ganz bezaubernd; bei längerer Reflexion
freilich kann man diese Häufung von
Farbeneffekten nicht mehr billigen, zu deren
Gewinnung Tod, Meer, Mond, Himmel
und Geisterwelt in Bewegung gesetzt werden.
„Jesus und die Ehebrecherin" von Oskar
Rex fällt auf durch die sonderbare Arrangi-
rnng der Scene zwischen den Stühlen
einer Kirche, ist bloß als Kostümbild anf-
zusassen und versündigt sich gegen Religion
und Sittlichkeit schwer dadurch, daß das
Weib nicht eine Spur von Rene und
Scham auf dem Antlitz trägt, sondern eher
ein freches Lachen. Darstellungen aus der
Passionsgeschichte wagen Hermann Prell
mit seinem Judas Jschariot und Wilhelm
Clemens: „Inda, verräthst du mit einem
Kuß des Menschen Sohn", — beide mit
traurigem Erfolg. Im ersteren Bild ist
die Situation ganz unklar; in einer wah-
ren Nichtgegend mit einem weißrothen
Klecks, der den Mond vorstellen soll, steht
Judas in ziegelrothem Rock, mit der einen
Hand im Bart arbeitend, mit der andern
den Strick haltend; neben ihm zwei pol-
nische Juden, die ihn zu mahnen scheinen,
das Geld zu nehmen; dessen hatte es bei
Judas nicht bedurft. Das Bild von Cle-
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