Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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mens zeigt zwei Gestalten in erregter
Konversation, Jesus dazu mit einem Gestus,
der so wenig als die Erregung zu jenem
Worte paßt. Die Hölleuschilderung nach
Dante (der zweite Ring) von Viktor
Prouve ist kaum ein religiöses.Bild zu
nennen; hier meint die darstellende Kunst
wieder einmal ihre Grenzen soweit stecken
zu können, als die Poesie; das Resultat
ist ein Strom von Feuer und Fleisch mit
viel ekligem Detail.

Zum Schlüsse muß auch dieses Jahr
jener Name wieder genannt werden, der
auf dem Gebiet der religiösen Malerei seit
einiger Zeit einen so widrigen Klang er-
langt hat: F. von Uhde. Er hat nur
Ein religiöses Gemälde ansgestellt und mit
diesem die erste Medaille erworben; der
Vorwurf desselben ist: „Lasset die Kindlein
zu mir kommen." Sein Christus hat auch hier
wieder den bekannten Uhde'schen Typus
mit dem traurig-blöden Gesicht, das sich
nur halb zu zeigen wagt; er sitzt auf
einem Stuhl in einer Bauernstube und
hat dreckige Kinder und häßliche Bauern-
weiber in heutiger Bauerntracht um sich;
der bäuerische Stumpfsinn ist sehr gut
getroffen; über einzelne Kinder verwundert
man sich, sie sind wirklich besser gemalt,
als es sonst Uhde's Gewohnheit ist, und
bei aller Schmierigkeit zeigen sie eine ge-
wisse Naivetät. Der Prämiirnngskommis-
sion müßte man in der That sehr dankbar
sein, wenn sie offen sagen wollte, was sie
eigentlich an diesem Bild mit dem ersten
Preis belohnen wollte. Von Geist ist in
demselben keine Spur zu entdecken, ge-
schweige von religiösem Geist; das ist
nicht der Heiland, der in Kindesseelen
seinen göttlichen Segen gießt, das ist ein
Wohlthäter, der der ländlichen Jugend die
Nasen putzt und die Gesichter reinigt, oder
ein Landdoktor, dem die Bäuerinnen ihre
Kinder zum Impfen bringen.

Mit Befriedigung ist zu konstatiren, daß
die grauenvollen Uhdckschen religiösen Bilder
von allen kompetenten Benrtheilern — dar-
unter rechnen wir, was religiöse Bil-
der anlangt, die Jury nicht •— ein-
stimmige Verurteilung gefunden haben,
sowohl katholischer- als protestantischerseits,
soviel wenigstens uns bekannt wurde. Nur
Ein Versuch einer Ehrenrettung des reli-
giösen Malers ist uns zu Gesicht ge-

kommen, von welchem wir kurz unfern
Lesern Notiz geben. Im evangelischen
Organ „Christliches Kunstblatt für
Schule und Haus" ; heransgegeben von
H. Merz in Stuttgart, 1889 Nr. 3, er-
hebt sich eine Stimme nicht ohne Ent-
rüstung dagegen, daß auch von evangelischer
Seite man Uhde's Leistungen nicht aner-
kannt habe, obwohl doch dieselben als
„nicht für die Reichen und Satten gemalt"
von dieser Seite hätten Anerkennung er-
warten können. Wohl dieselbe Feder wagt
dann in Nr. 4 eine Parallele zwischen
dem Abendmahl Uhde's und Lionardo's und
will beide auf eine gleich hohe Linie der
Künstlerschaft stellen; zwar habe Lionardo
in der Person Christi das Vollendetste ge-
leistet, aber Uhde habe dafür mit den
Jüngern sich eingehender befaßt; letztere
haben bei Lionardo, außer Johannes und
Judas, bloß etwas Schematisches, bei
Uhde seien sie aufs Stärkste individualisirt;
das Verbrechen (von welchem der Herr-
gesprochen) reflektire sich „naturgemäß in
dem einen und andern Kopf so, daß die-
jenigen nicht ganz Unrecht haben, welche
davon sprechen, daß die Jünger Verbrechern
gleich seien" ; dabei seien Köpfe und Hände
meisterhaft gezeichnet und das Einzelne
komme eigentlich nur bei ihm zum Recht.
Dies die Ausführungen des Vertheidigers.
Die Redaktion läßt zwar die ästhetisch
horrende Vergleichung mit Lionardo und
die unrichtige Kritik über das Abend-
mahl des Letzteren, wie die mehr als
seltsame Motivirnng der Gannergesichter
der Apostel ohne Gegenrede passiren, steht
aber doch nicht an, zu erwidern, daß gegen
Uhde's Bilder sich „Bedenken aus dem
Evangelium" erheben und daß Uhde's
Christus „das volle evangelische Heiland-
antlitz" nicht zeige; Christus und die Apo-
stel seien Gestalten „abgezehrt und abge-
lebt in übergeistlicher Selbstpeinigung und
Selbstabtödtung durch Fasten und Wachen",
solche aber seien wohl „Früchte katholisch-
mönchischer Heiligkeit aber nicht evange-
lischer Gottseligkeit". Daß das protestan-
tische Organ mit uns (vergl. hiezu die
Kritik im vorigen Jahrg. S. 104 ff.)
einig ist in Verwerfung von Uhde's reli-
giösem Schaffen, wenn freilich auch diese
Verwerfung fast zu mild ausgesprochen
wird, freut uns. Im Aufsuchen der Her-
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