Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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kunft von Uhdcks Typen ist es aber doch
wohl fehlgegangen; überall konnte man
hören und lesen, daß Uhde's Christus
größte Verwandtschaft mit einem Metho-
disten- oder Pietisten-Prediger zeige. So-
mit gehört er sicher nicht der katholischen
Kirche, noch weniger einem Mönchs-
kloster an, und nicht hierin kann der
Grund liegen, warum seinem Antlitz
„die evangelische Gottseligkeit" fehlt. Daß
es das Heilandantlitz des Evangeliums nicht
ist, das sagen auch wir.

Erweiterung und Vergrößerung
von Kirchen.

(Schluß.)

Nur wenige Worte mögen die aus-
gedehnte Untersuchung, die durch diesen
ganzen Jahrgang des Archivs sich hinzieht,
zum Abschluß bringen. Gegen die Ein-
gangs entwickelten Prinzipien ist ein Wider-
spruch nicht zu uns gedrungen. Dagegen
werden manche mit den vorgeführten Lösungen
der praktischen Fälle vielleicht nicht immer
einverstanden sein. Wollen sie aber die
Güte haben, dieselben mit jenen Grund-
sätzen in Vergleich zu stellen, so werden
sie sich vielleicht nicht mehr daran stoßen.
Es sind arme Kirchen und es sind Nvth-
sälle, für welche unsere Lösungen berechnet
sind, und für die letzteren wollen wir
durchaus kein anderes Lob beanspruchen,
als daß sie mit weiser, ja mit äußerster
Sparsamkeit und mit möglichster Pietät
für das Alte armen Gemeinden zu räumlich
genügenden Kirchenbauten verhelfen; das
Lob gilt uns mehr als das Zeugniß, daß
wir im Stande seien, für Hunderttausende
prunkvolle Kirchenpläne zu entwerfen.

Nur Eines soll noch betont werden.
Indem wir uns in solcher Weise an die
Gesetze der Sparsamkeit binden, verzichten
wir durchaus nicht völlig ans die Schön-
heit der Kunst. Unsere Lösungen bieten,
wenn auch in bescheidenen Grenzen, immer
noch schöne Gelegenheit zu ästhetischer
Gestaltung des Baues. Wir haben ab-
sichtlich uns aus die Grundrißbildung be-
schränkt; das Weitere soll dem Techniker
Vorbehalten bleiben; darin zeige er seine
Kunst und seine Weisheit, daß er inner-
halb dieser vom Bedürsniß, von Sparsam-

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feit und Pietät gezogenen Linien und über
denselben einen Ban sich erheben lasse, in
welchem alte und neue Theile sanft sich
verschmelzen und welchen die einfachsten,
keuschesten und diskretesten Mittel archi-
tektonischen Schmuckes entsprechend zieren.

Wenn aber die Armut so groß wäre,
daP an architektonischen Schmuck gar nicht
gedacht werden kann, so lasse man dem
Bau im Aeußern sein Armutsgewand und
lege es nur darauf ab, im Innern durch
kluge Bemalung einen würdigen Raum
herzustellen. Eben der Malerei kommt in
diesen Fällen eine sehr ehrende Aufgabe
zu: die Dissonanzen, welche ans Verbin-
dung von Altem und Neuem entstehen
können, mild zu lösen, der Armut ein
Gloriengewand umznwerfen, die unschein-
bare Architektur zu heben und zu veredeln.

Sollte aber irgend jemand Zweifel haben
an der Ausführbarkeit der obigen Projekte,
so sei ihm zur Beruhigung gesagt, daß
ein Teil derselben bereits ansgeführt ist
und seit Jahren und Jahrzehnten in jeder
Hinsicht allen Bedürfnissen und allen An-
forderungen der Kunst entspricht, auch alle
Garantien für weiteren Bestand anfweist.

Ein Evangelienpult ans der frnb-
roinanischen Periode.

Mitgetheilt von Stndtpfr. Eugen Keppler.

Einer jedenfalls sehr glücklichen Ver-
schlingung von Umständen, die wir jedoch
nicht mehr zu entwirren vermögen, ist es
zu danken, daß in der jüngsten unter
unfern alterthümlichen Kirchen — die
Stelle, auf der sie steht, war vor 290 Jah-
ren noch dichter Wald — in der Stadt-
kirche zu Frendenstadt sich die beiden nr-
ältesten Sknlptnrwerke des christlichen
Schwabens erhalten haben, nämlich: der
Taufstein, von welchem in unserer ersten
Nummer dieses Jahrgangs die Rede war,
und das archaistische Holzschnitzwerk, dessen
Abbildung wir hier geben: beide wohl um
ein ziemliches älter als die zwei in der
Stuttgarter Alterthnmssammlung befind-
lichen Figuren strengsten Stils, Maria und
Johannes vorstellend, welche ans dem
Kloster Murrhardt stammen.

Zeigen die Thier-Reliefs jenes Tauf-
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