Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 118
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steins in ihrem rohen Naturalismus so gut
wie gar keinen Stil — nur die Gebilde
am Sockel sind jenen, welche bisweilen
die Ecken frühromanischer Säulenbasen
zieren, analog, während der zweimal an-
gebrachte , tauartig gedrehte Stab, die

Kabelverzierung, bekanntlich sonst für den
normannisch-romanischen Stil bezeichnend
ist —, so haben dagegen diese vier hagern,
in enge sackartige Gewänder eingeschnürten
Evangelisten -Gestalten mit den lang-
gezogenen leblosen Gesichtern und den spitz
zulaufenden starren Bärten noch etwas
von dem byzantinischen Typus an sich.
Deswegen muß natürlich an eine bewußte
Nachbildung byzantinischer Vorbilder nicht
gedacht werden: ausdruckslose Augen und
groteske Gestalten verstehen sich auf solcher
Kiudheitsstufe der Kunst ohne weiteres!
Die in den Gesichtern fehlende Jndividua-
lisirung suchte der primitive Künstler her-
einzubringen in der Behandlung der Haare.
Bei zweien sind dieselben in der Mitte
sorgfältig gescheitelt und in festanliegendeu

Strähnen nach beiden Seiten gekämmt,
während sie in parallelen, an den Enden
gelockten Schnüren gleichmäßig vom Wir-
bel ab über den Kopf von St. Markus
herabfließen und schafwollenartig als dichter
Flaus das Haupt des hl. Lukas bekleiden.
In jeder dieser Formationen ragen sie
übrigens tief herein und verengen die
Stirn. Die Gesichter sind schon mehrfach
übermalt; dagegen zeigen die Gewänder
mit ihren sorgfältigen übrigens nur linier-
ten Falten zum Theil noch die ursprüng-
liche Fassung, vorherrschend in Weiß und
Blau; so wenigstens bei einem der Bilder,
während bei einem andern kräftiges Roth
unter dem Weiß entdeckt wurde.

Diese vier langgestreckten, 92 cm hohen
Karyatiden stehen nun, die Rücken gegeu-
einandergekehrt, auf den vier Halbkreisen
eines Vierpasses, der in einem gleichfalls
im Vierpaß geformten steinernen Untersatz
von 20 cm Höhe eingelassen ist, und walten
mit viel Würde ihres Amtes, mit erhobe-
nen , eng an den Leib gepreßten Armen
die runde Scheibe zu stützen, auf welcher
das eingeschweiste Pult aufsitzt, das an
seinen mit Viertelstäbchen umrahmten
Seiten die vier Symbole in erhabener
Arbeit (die Thiere geflügelt, den Engel
mit ziemlich naivem Gesichtsansdrnck) zeigt.
Das Ganze mißt 1,37 m in der Höhe.
Die ursprünglich sehr geringe Schrägung
des Pultes wurde in der Renaissancezeit
durch einen steil abfallenden Aufsatz, offen-
bar für Auslegung von Notenheften, er-
höht. Die vorbenannte Scheibe liegt üb-
rigens nicht mehr, wie sie sollte, auf dem
Nacken der Träger auf, sondern ist nur
durch eiserne Bänder locker mit denselben
verbunden. Der Zusammenhang zwischen
den, jetzt meist abgeschlagenen, Armen und
ihren den Wulst der Scheibe umfassenden
Fingern ist unterbrochen, und es ist kein
Zweifel, daß nur die Dazwischenkunft des
Braven, der die Eisenbänder anbrachte
und die beiden Hälften, wenn auch noth-
dürftig, an einander befestigte — er be-
wies dadurch sicherlich ein seiner Zeit weit
vorauseilendes Kunstverständniß —, dieses
merkwürdige Evangelienpnlt rettete. Möchte
es das Kunstverständniß unserer Tage
wenigstens dahin bringen, daß ein so sel-
tenes Stück Alterthum, uin welches manche
Kunstsammlung uns beneiden dürfte, künf-
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