Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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)cv Pfarrort Pfahlheim zählt mit seinen

Filialen l 100 Seelen. Die bisherige Kirche
znm hl. Nikolaus, deren Schiss 10 m lang,
9 m breit, 5,5 m hoch ist, mit einem
7,10 m breiten Chor, faßt bloß etwa die
Hälfte der Kirchgänger. Chor und Thurm
sind gut gebaut und mit Quadern ver-
kleidet. Dieselben sollen also erhalten
bleiben und sind in den neuen Plan her-
übergenommen; der Chor wird auf ca. 10 m
erhöht und, um die Anschiftung von
Streben zu umgehen, mit flacher Holzdecke
versehen; die bisherige Sakristei im Unter-
geschoß des Thurms soll künftighin als
Beichtkapelle und Paramentenkammer dienen,
eine neue Sakristei südlich angebaut werden.
Die Baukasse ist mit 80 000 Mk. gefüllt,
— eine Summe, welche erlaubt, neben
dem absolut Nothweudigen auch das Künst-
lerische wohl noch zum Recht kommen zu
lassen, welche aber zu niedrig ist, um irgend
welchen Luxus an Ornamenten und um
wesentlichen Zieraten zu gestatten.

Gewiß hat der Architekt mit vollem Recht
und gutem Takt unter diesen Verhältnissen
sich für die Wahl des Uebergangsskilö aus
dem Romanischen ins Gothische entschlossen;
denn dieser Stil sichert bei richtiger Hand-
habung monumentale Wirkung und kann
der Dekoration entbehren. Alle Profilirung
durch Säulen, Rundstäbe, Kehlen ist grund-
sätzlich vermieden. Die Blenden, die Ar-
katuren, die Fenster mtb Portale sind ledig-
lich rechtwinklig abgetreppt oder einfach ab-
geschrägt, sämtliche Horizontalgesimse durch
einfache Schrägen gebildet. Niemand wird

aber in diesem Plan das Orna-
ment vermissen und niemand wird
sich der gewaltigen Wirkung
dieser Architektur zu entziehen
vermögen, deren Verhältnisse nur
die Meisterhand so glücklich zu
stimmen vermochte. Man sieht
nun hier, welche bedeutsame Be-
reicherung und Belebung die ein-
schiffige Anlage durch die auge-
sügten gewölbten Gänge erfährt,
sowohl im Aeußern als im In-
nern. Der Halle verleihen die
Arkaden ans ihren massigen Pfei-
lern, die Blicke in die Neben-
gänge mit ihren Halbkreisgewölben
und spitzbogigen Durchgängen eine
wohlthuend lebensvolle Gestaltung
und eine Schönheit, die mit ernstester Würde
gepaart ist. Der majestätische Eindruck
wird wesentlich erhöht durch das Tonneu-
gewölbe mit seinen starken Quergurten und
mit Stichkappen für die mit Reckt rund
belassenen und alles Maßwerks entbeh-
renden Oberlichter, welche den Hauptlicht-
ström ins Innere leiten. Freilich wird
noch nicht ganz sicher sein, ob die Bau-
summe die projektirte massive Wölbung ver-
stattet, so sehr dieselbe zu wünschen wäre.
Genalle Berechnung der Kosten wird das
answeisen; müßte hiervon abgesehen werden,
so wird sich auch ein momuneutales Holz-
tonnengewölbewohlverbieten, da ein solches
nicht wesentlich niedriger zu stehen käme.
Das wohlfeilste wäre bann ein Putzgc-
wölbe, aber vorzuziehen doch wohl eine
steigende Holzdecke zwischen massiven Gnrt-
bögen ngch Art der Eindeckung der alteil
Basiliken. Wird massiv eingewölbt, so wird
vollends klar, welch wichtiger Faktor die seit-
lichenAnbauten sind; sie stellendann die mäch-
tigen Widerlager gegen den Gewölbedruck
dar und es können über ben Pultdächern die
Streben bedeutend eingezogeil werdeil.

Was die Fa?ade anlangt, so wird sie
in Wirklichkeit noch einfacher erscheinen,
als auf dem Bilde, deßwegen weil als eigent-
liche Ornamente bloß Bogenblenden fun-
giren. Unter der Empore ist ein kleiner
Vorraum geschaffen mit zwei Kapellen zur
Seite; die eine kann eiileil Beichtstuhl ans-
nehmeil, die andere hat an Stelle einer
Kapelle zu treten, die neben der alten Kirche
steht utld dem Neubau zum Opfer fallen iiluß.
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