Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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die Geißelsäule, au welche zwei Bündel
Ruthen gebunden sind, während zu oberst
der Hahn sitzt. Die ebenso schöne als
sinnreiche Anordnung trägt die Unter-
schrift: ' REDEMPTORTS. MVNDI.
ARMA.

Noch eine eigentümliche Erscheinung
des Mittelalters sind endlich jene Tafel-
gemälde, in welchen der Heiland, ebenfalls
als Miserikordiabild, die Kelter tre-
te n d, dargestellt ist. Den fleißig in den
Schriften der Väter forschenden Kunst-
freunden und Künstlern alter Zeit hat
dieses tiefsinnige Bild eine Stelle aus
Jsaias (Kap. 63, 3) nach der Erklärung
von Cyprian, Origenes n. s. w. diktirt,
wo es heißt: „Die Kelter trat ich allein
und von den Völkern war Niemand bei
mir; ich zertrat sie in meinem Zorne und
zerstampfte sie in meinem Grimme und
spritzte ihr Blut über meine Kleider und
alle meine Gewände befleckte ich." Im
Orient bekanntlich werden die Trauben mit
den Füßen zerstampft, um deren edlen
Saft ansznprefsen, in Folge dessen ein
Keltertreter vom rothen Safte ganz ge-
röthet ansfieht. So ähnlich überströmt
von dem Blute seiner Wunden war Christus
in feinem Leiden, ein Anblick, der uns die
Barmherzigkeit Jesu vor Angen führen
soll, die er durch dieses fein Leiden an
uns ausgeübt hat. Eine besonders charak-
teristische Darstellung in dieser Beziehung
finden wir in der sogen. Ritterkapelle, d. i.
in dem schönen Chor der Stifts- oder
St. Hnmbertnskirche zu Ansbach,
offenbar von einem der vielen Maler,
welche zur Zeit Wohlgemnths im
Frankenland thätig waren. Das tiefsvm-
bolische Gemälde auf Holz wird gegen-
wärtig in einem Schrein verschlossen und
befindet sich an der rechten Seitenwand
dieser einstigen Kapelle des Schwanen-
ordens; es mag um das Jahr 1470 ent-
standen sein. Wir sehen Christus als
Schmerzensmann, die Dornenkrone ans
dem Haupte und mit Blut überronnen,
die Kelter treten. Mit dieser gewöhnlichen
Darstellung ist hier aber noch eine andere
verbunden, welche so recht deutlich die
Barmherzigkeit und Gnade andenten soll,
die Christus uns dlirch seinen Opfertod
erworben hat und die das Bild im eigent-
lichsten Sinne als ein Miserikordia- oder

Erbärmdebild erscheinen läßt. Gott der
Vater dreht nämlich hier die Kelter, welche
den Sohn umgiebt, und wird von der
Schmerzensmutter, an deren Brust fünf
Schwerter sind, unter dem rechten Ellen-
bogen unterstützt. Ans der Kelter fallen
Hostien hervor, welche der Papst in Kel-
chen zur Vertheilung unter die Christen
auffängt. Die Bedeutung dieser Dar-
stellung ist für den Katholiken natürlich
nicht fremd, während man von Seiten
protestantischer Beobachter, vorzüglich wohl
auch wegen der vorhandenen Gestalt des
Papstes, die wundersamsten Erklärungen
vernimmt. Dem Papst gegenüber ist ein
knieender Geistlicher, der Stifter. In der
Luft sind vier schwebende Engel; große
lateinische Spruchzettel dienen dazu, die
Bedeutung des Mysteriums des Opfer-
todes Christi, namentlich auch bezüglich
des nentestamentlichen eucharistischen Opfers
näher zu erklären. Das merkwürdige,
sinnreiche Bild wird mitunter dem Hans
Cnlmbach zugeschrieben und das Jahr
1473 als feine Entstehnngszeit angegeben,
allein die zum großen Theile stattgefnndene
Uebermalnng und Restauration läßt eine
sichere Angabe nicht mehr zu?)

Oer Ljirsauer Bilderfries.

Von Stadtpfarrer Eng. Keppler.

Zweiter Brief.

Verzeihen Sie, daß mir im letzten
Schreiben manch hartes Wort entschlüpfte!
Konnte ich doch damals nicht ahnen, welch
glänzende Genugthuung Sie für mich in
Bereitschaft hatten. Zwischen ihrer früheren
Sendung und Ihrer neuesten, zwischen dem
Wirrwarr dort und den glatten, klaren
Strichen hier ist ein Unterschied wie
zwischen Nacht und Tag: ich kann Ihnen
gar nicht sagen, wie sehr Sie mich er-
leuchtet und erleichtert haben! Nun habe
ich nicht mehr die vertraktesten Stellungen
nöthig, um dort oben, in einer Höhe von
30—40 Fuß meinen Gegenstand zu er-
spähen; nun werde ich nicht mehr, im
Finstern tappend, mich zum Dachladen des
benachbarten Häuschens aufschwingen oder
mit der waghalsigen Neugier des Zachäus

0 Ueber das Keltertreterbild in Kleinkomburg
ist in dieser Zeitschrift 1885 S. 37 berichtet worden.
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