Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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gelenkt werden. Ob Thomas Heidelberger
selbst noch der Werkstätte Vorstand, oder
vielleicht ein Sohn desselben ihn: schon
nachgesolgt war, mag hier ganz unerörtert
bleiben. Aber so lange nicht eine andere
Werkstätte namhaft gemacht werden kann,
die mehr oder gleich viel Anspruch er-
heben kann, mag Memmingen als die Nr-
sprnngsstätte gelten.

III. Ravensburg.

Im Süden der Landschaft, schon gegen
die Bodenseegegend zu, tritt Ravensburg
auf als ein recht schätzbarer Sitz mittel-
alterlicher Kunstübung. Bon wichtigeren
Bauten und Baumeistern ist nichts zu ver-
zeichnen; das Material, Geschiebe der erra-
tischen Formation und Mangel an Werk-
steinen legten der reicheren Entfaltung der
Baukunst sichtlich Hindernisse in den Weg.
Dagegen erfreuten sich die Holzsknlptnr und
Malerei hier einer ergiebigen Pflege. Der
Bildhauer Jakob R u e ß (ca. 1490) wurde
durch Killias in Chur und Dr. Roder in
Ueberlingen urkundlich wieder entdeckt. Auch
das Andenken an Friedrich Schramm
und Christoph Kelten o fer (1480), das
uns Dursch aufbewahrt hat, wurde wieder
neu aufgefrischt. Da aber von diesen
Meistern im vorhergehenden Jahrgange
dieser Zeitschrift mehrfach gehandelt wurde,
so mag es genügen, ihre Namen nebst dem
des Peter Tagbrett (1470) zu erwähnen.

Die spezielle Bedeutung von Ravensburg
für Oberschwaben liegt darin, daß hier die
für den Kunstbetrieb so kritische Zeit von
1520 an bis zur Mitte des Jahrhunderts
nicht so verderblich wirkte wie anderwärts,
sondern verhältnismäßig ohne sehr tiefe
Störung verlief. In den meisten ansehn-
licheren Reichsstädten machten sich die gleichen
Störungen geltend wie in Ulm ltnb Mem-
mingen. Hierher gehören Lindau, Biberach,
Leutkirch, Jsnv; auch das schon etwas
weiter entlegene Konstanz. Nach Kraus
(Kunstdenkmale S. 126) mußte 1526 der
Bischof nach Meersburg, das Domkapitel
nach Ueberlingen fliehen, von wo sie erst
1551 zurückkehrten; 1530 war auch hier
ein Bildersturm. Gelinder war der Ver-
lauf in Ueberlingen. Aber auch hier wurde
der Bau am Münster von 1525 an auf
30 Jahre eingestellt, eine Stockung, die
sich wohl auch auf alle andern Zweige!

des Betriebs erstreckt haben wird. Doch
scheint sich Ueberlingen auch zuvor schon
bei Ausführung der dortigen noch erhaltenen
Werke aus dem 15. Jahrhundert zumeist
auswärtiger Kräfte bedient zu haben. Die
einzige nennenswerthe Ausnahme bildet
Wangen in: Allgäu, woselbst die Refor-
mation nie festen Fuß faßte. Aber von
dieser Stadt (und von Leutkirch) sagt
Baumann, daß er keinen einzigen Namen
von Künstlern vor 1500 habe ausfindig
machen können (Gesch. des Allgäus II. B.
S. 689). Das ist wohl nicht zufällig;
die Konkurrenz von Memmingen und Ra-
vensburg war wohl dazumal zu nahe und zu
stark, als daß sich auch hier Werkstätten
hätten ausbilden können. Ob dieselbe auch
in Biberach sich fühlbar gemacht habe,
will hier nur angedentet werden.

Anders und viel günstiger gestalteten sich
die Verhältnisse in Ravensburg. Hier fand
die Reformation erst in den Jahren 1544
bis 1546 theilweisen Eingang (cs. Hafner:
Gesch. v. Ravensburg S. 490), -und der
lebhafte, schwungvolle Kunstbetrieb, der am
Ende des 15. Jahrhunderts hier bestand,
konnte sich somit über die anderwärts
schwierigste Zeit hinüber ungestört fort-
setzen; es siel ihm sogar eine Art Mono-
pol zu. Hafner hat in seinem Buch und
durch briefliche gefl. Mittheilung eine
größere Anzahl von Namen, theils Bild-
hauer, theils Maler aufgeführt, die zu
jener Zeit in Ravensburg thätig waren.
Wir nennen hier den Meister Friedrich,
Bildhauer 1506; Oswald Bader, Maler
1515; Dionys Stecker, Bildhauer 1526;
Endres Heidler, Maler 1545; Jos.
Spenzer (oder Sperger) 1545, Maler.

Dazu kommt nun, daß auch eine An-
zahl zerstreuter Werke in Oberschwaben
sich noch vorfinden, die wenigstens eine
Jahreszahl, wenn auch sonst keine In-
schrift besitzen. So in Znßdorf vom Jahr
1533; in Mettenberg, OA.Biberach, 1537.
Andere Statuen, Reliefs und Gemälde
weisen durch das bei ihnen in Anwendung
gebrachte eigenthümliche Zeitkostüm *) eben-
falls auf diese Zeit hin (Winterstetten-
dorf, Groodt, OA. Waldsee, und Metten-

0 Zu vergleichen darüber die Abhandlung in
den Ulm er Münsterblättern 1889: lieber die
Nachblüte der mittelalterlichen Kunst in Ober-
schwaben, vom Vers.
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