Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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die Malerei die Architekturformen nicht ver-
decken oder verwischen, sondern den archi-
tektonischen Gedanken, wie er namentlich in
dem schön gewölbten Chore zum Ausdrucke
kommt, gerade hervorheben sollte. Doch da
die Kirche der spätgothischen Zeit angehört
und namentlich das Schiss in seiner bau-
lichen Nüchternheit und theilweisen Verän-
derung schon die Neuzeit repräsentirt, konnte
von einer streng monumentalen Malerei,
d. h. einer vollständigen, ornamentalen Aus-
füllung aller Flächen abgesehen werden.
Nicht zu sagen, daß eine solche Farbenfülle
unser Kirchlein wohl etwas schwerfällig, zu
überladen und deßhalb dem ungewohnten
Auge fremdartig gemacht hätte, würde diese
Art der Behandlung auch unsere finanziellen
Kräfte überschritten haben; zudem können
die kleinen Wandflächen immerhin noch durch
Werke der Plastik belebt werden. Die Be-
keidung imb Belebung des baulichen Ge-
rüstes dagegen sollte vollständig durchgeführt
werden.

Den Meister nun, der in diese unsere
Intentionen einzugehen verstand, suchten und
fanden wir in dem Historienmaler Ferd.
Kaltenbach er aus München, einem ge-
borenen Württemberger. Um größtmögliche
Korrektheit auch in der Zeichnung zu er-
langen, wurden für alle figuralen Darstel-
lungen Kartons verlangt, und vom Künstler
auch vorgelegt. Nicht geringe Schwierigkeit
für den Entwurf bot gleich die mächtige,
ohne alle und jede architektonische Einthei-
lnng sich glatt hinziehende Fläche des
Plafonds im Schiffe. Es fragte sich hier:
soll bildlicher oder bloß ornamentaler
Schmuck angewendet werden; ersterer wäre
zu thener, letzterer zu langweilig gewesen.
Darum wurde ein Mittelweg eingeschlagen
und beiden sozusagen Gleichberechtigung er-
teilt. (Fortsetzung folgt.)

Tizians Assunta.

Die Gemäldegallerie in Stuttgart besitzt
seit einiger Zeit eine höchst bedeutende und
dem Original einigermaßen congeniale Kopie
deö Altarbildes, welches in mancher Hinsicht
als das größte Werk des überaus fruchtbaren
venezianischen Meisters Tiziano Vecelli da
Cadore (1477—1576) bezeichnet werden
kann, — der für den Hochaltar der Frari-
kirche (1516—18) gemalten Himmelfahrt
Mariens, welche jetzt im ersten Saal der
Akademie in Venedig die bewundernden
Blicke auf sich zieht.

Bekanntlich brachte dieser Meister, der
aus der Schule Giovanni Bellini's hervor-
ging, die zeitgenössische venezianische Kunst,

tvelche freilich bereits an manchen Mängeln
krankte, mit ihren guten lind verkehrten Stre-
bungen zur höchsten Ausgestaltung. Mag
man es auch bedauern, daß seine Kunst mit-
unter stark ins Sinnliche schlägt, das Geiliale
in ihr ist nicht zil verkennen. Es gibt sich
kund in den gewaltigen geistigen Auffassungen,
welche mehr noch als der Glailz der Farben
ails seinen Bildern entgegenlenchten, und in
der nur den größten Meistern in: gleichen
Maß zli Gebot stehendeil Gabe, die höchsten
Grade des Affekts noch mit dem Pinsel er-
reicheil nild iil Liilieil uild Farben bannen
zil können. Daileben eine staunenswerthe
Vielseitigkeit unb Mannigfaltigkeit in der
Formengebnilg unb im Kolorit, in welchem
alle Farbenzanber der venezianischen Schule
vereiilt und potenzirt erscheinen.

Daß Tizian das religiöse Vermögen
keineswegs abging, beweist schon seiil allen
bekannter Zinsgroschen, ein Jugendwerk, aber
von welcher geistigen unb technischen Vollen-
dung ! Ein Bild, das im eigentlichsten Sinne
ein sprechendes genannt werden kann, das
gailz Gedanke und Wort ist, unb dabei vom
tiefsten religiösen Ernst. Ja im Antlitz Jesu
schafft es einen Heilandtypus, welcher neben
die vollendetsteil zll stellen ist, die je die
Kunst geschafseil, welcher neben den von
Lionardo gehört. Durchaus religiös ist auch
(eine Grablegung (im Louvre in Paris) zil
nennen; nicht so gailz ernst lind rein klingt
der religiöse Ton durch in seiner berühmten
„Madonna des Hailses Pesaro" in der Frari-
kirche in Venedig.

Seine Assunta nun ist ein mächtiges,
6,90 m hohes, 3,60 m breites Gemälde auf
Holz, oben inl Halbkreis schließend. Der
Komposition nach zerfällt es in zwei Theile.
Die untere kleinere Hälfte des Bildes nimmt
die Schaar der Apostel ein, die obere die
Madonna, welche mit einem reicheil Hofstaat
kleiner Engel auf einem Wolkenzug nach
oben schwebt, von wo Gott Vater int Brust-
bild sich zu ihr herabneigt. Wenden wir
uns zllerst der Apostelgrnppe zu. Iil ihr
wird nicht, wie von manch anderil Künstlern,
das Staunen in erster Linie zlinl Ausdruck
gebracht, sondern eine unendliche Seh «sucht,
der verklärten Mutter zu folgen, ein fast nil-
bezwingbares Heimweh ilach oben, welches die
Arme allsbreitet, welches Auge imb Antlitz fast
nicht mehr wegwendbar znm Himmel richtet,
ja die ganze Gestalt hinaufzieht und vom
Boden der Erde abzulösen trachtet. Dabei
ist es nicht ein monotoner Affekt, sondern
so vielfach abgestuft und abgetönt, als Per-
sonen sind. Ergreifend wird dieses Hinauf-
sehen und Anfstreben besonders noch dadurch,
daß im Kontrast zur obigen Lichtgruppe die
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