Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 32
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Itd) im Chore, wegen ihrer beständigen
Feuchtigkeit das Kreuz bei Restaurationen
bilden; kaum ein oder zwei Jahre ist hier
gemalt, sei es mit Oel oder andern Farben,
so beginnt schon wieder das Zerstörungs-
werk, und merkwürdiger Weise, wie ich schon
öfter die Erfahrung gemacht, auch da, wo
früher bei einem einfachen Kalkbewurf nichts
von Feuchtigkeit bemerkt wurde. Darum
wurde hier von jeder Art Bemalung abge-
sehen und für Dekoration auch an dieser
Stelle die Plastik zu Hülfe genommen. Es
wurden, wie dies in früheren Jahrhunderten
so oft geschah, die Ehorstühle zu einer
Zierde der Kirche benützt und ihre Rückwände
als Wandverkleidungen bis zum Ehorab-
schlnsse fortgesetzt. In die Flächen dieser
Rückwände der Chorstühle aber wurden die
Brustbilder der zwölf Apostel und zweier
Heiligen gesetzt und jede Figur mit reichem
gothischen Maßwerk umrahmt. Sämmtliche
Gestalten wurden zuvor vom Meister in
natürlicher Größe modellirt und dann in
Ahornholz ausgehanen. Sie erhielten keiner-
lei Polychromie schon deshalb, damit doch
bei all ihrem Reichthnm unb ihrer Fein-
heit in der Schnitzerei der Hochaltar das
Prinzipale des ganzen Chores bleibe.

Die Reihenfolge der Apostel, angefangen auf
der Evangelienseite, ist die, wie sie der uralte
Kanon der hl. Messe gibt.

St. Petrus, der Erste unb der Fürst der
Apostel ist als solcher vom Künstler durch seine
würdevolle strenge und gerade Haltung gekenn-
zeichnet; er trägt in der Rechten zwei Schlüssel,
sein Attribut schon seit dem Ende des vierten
oder Anfang des fünften Jahrhunderts, die
Binde- und Lösegewalt symbolisirend, seine Linke
hält ein Buch.

St. Paulus nimmt nach dem Kanon als
einer der Hanptzeugen der christlichen Kirche
nach dein hl. Petrus den ersten Platz ent, ob-
wohl er erst nach der Himmelfahrt des Herrn
zum Apostolate berufen wurde. Er ist unter
allen Aposteln der merktvürdigstc, dessen persön-
lichen Charakter und persönliche Geschichte mir
am genauesten aus seinen Briefen und der Apostel-
geschichte kennen. Er ist der Weltapostel, und
als solchen muß ihn auch die christliche Kunst
darstellcn. Daher sehen mir ihn hier als eine
Gestalt voll Kraft unb Energie, mit einem ge-
nialen Gesichtsausdruck. Sein Attribut ist das
Schwert, sein Martyrium bezeichnend, aber auch
als Sinnbild, als Schwert des Geistes und
der Rede ;Ephes. 6, 17) gedeutet. Als Lehrer
der Völker trägt er auch noch die Schriftrolle.
Ein Meisterwerk der Plastik!

S t. A n d r e a s, der Bruder des Simon
Petrus und der erste, der zu dem Apostolate
berufen wurde, zeigt das Profil eines schönen,
ehrwürdigen Greisenangesichts mit langem Barte,
ähnlich wie ihir Peter Bischer am Sebaldusgrabe
zu Nürnberg gegeben hat. Er trägt das Zeichen
seines Martyriums, das Kreuz, das seil dem

14. Jahrhundert als schräges Kreuz (X), l'°Ö-
Andreaskreuz, dargestellt wird.

St. Jakvbus mas. hat als Verwandter
des Herrn einige Aehnlichkeit mit diesem und
mit Jakvbus den: Jüngern, er ist dargestellt im
Pilgermantel, mit Hut, Pilgerstab und Pilger-
muschel am Gewand, derjenigen Kleidung, welche
die Wallfahrer nach seinem Heiligthum, Sant-
iago de Compostella in Spanien, getragen haben.
Dieser Ort war nämlich das ganze Mittelalter
hindurch nach Rom und Jerusalem der berühin-
teste Wallfahrtsort der Welt.

St. Johannes, der Lieblingsjünger des
Herrn, ist hier wie schon in den Mosaiken des
fünften Jahrhunderts jugendlich und ohne Bart
dargestellt. Er trägt als Symbol den Kelch mit
der Schlange, weil er nach der Legende unter
Kaiser Domitian einen Giftbecher ohne Nachtheil
trank. Der Meister verstand es, dem Angesichte
des Jüngers, ans dem der Geist der Jungfräu-
lichkeit so schön hervorleuchtet, auch die Form von
fast klassischer Reinheit zu geben. Die geistige
Auffassung dieses Apostels ist wohl eine der ge-
lungensten der ganzen Reihenfolge.

St. Thomas erscheint hier etwas im Profil
als gereifter Mann mit kurzem Bart. Nach
der Legende als Apostel in Indien thätig, hat
er deßhalb nach Brauch im Orient ein Tuch über
sein schönes Haupt geschlagen, das in schöner
Draperie über die Schultern herabhängt. Er
trügt als Attribut ein Winkelmaß, weil er als
Baumeister vor den indischen König trat und
diesem auch einen Palast erbaute, er ist als
geistiger Baumeister auch Patron der Baukunst.

Als letzte Gestalt in dieser Reihe folgt der hl.
Norbert, der Stifter des Prämonstratenser-
ordens, der 1434 als Erzbischof non Magdeburg
starb. Er soll die einstige Zusammengehörigkeit
von St. Christina und Weißenau, das ja ein
Prämonstratenserkloster ivar, dokumentiren, d. h.
daran erinnern, daß die Pfarrei St. Christina
vom Jahre 1197 an bis zur Säkularisation des
Klosters 1803 von einem Kvnventualen zu
Weißenau pastorirt tvurde. Der hl. Norbert in
der Tracht seines Ordens trägt als Attribut
eine Monstranz als Anspielung auf den Namen
des Ordens, auch als Erinnerung des Sieges
über die Irrlehre Tantelins, und seiner Liebe
znm hl. Altarssakrament.

Die Reihenfolge der Apostel setzt sich ans der
Epistelseite fort, vom Beichtstühle an beginnend
mie folgt:

St. Jakvbus minor, der nächste Verwandte
des Herrn, zeigt in seinen Gesichtszügen die
größte Aehnlichkeit mit diesem; er soll der erste
Bischof von Jerusalem gewesen sein uitb trägt
deßhalb Hirtenstab und Buch. Die Aehnlichkeit
im Gesichtsausdrucke mit dem göttlichen Meister
ist vom Bildhauer in frappantester Weise ge-
troffen.

St. Philippus, zu Bethsaida geboren,
reiste nach der Himmelfahrt des Herrn der Tra-
dition zu Folge nach Seythien, später auch nach
Phrygien und predigte unter den Heiden das
Evangelium. Er trägt deßhalb über seinem
Pilgerstabe das Kreuz, seine Mission unter den
Barbaren als Prediger des Kreuzes des Heiles
anzukündigen.
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