Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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und aller Sparsamkeit au Ornament einen
reichen Prospekt. Die Kosten sind nach
summarischer Berechnung auf 75—80 000
Mark veranschlagt; die Seitengewölbe haben
Tonnen-, die übrigen Räume massives Kreuz-
gewölbe. —

Lin neues Baumaterial: der
Fflolith.

Weniger wichtig ist für das Menschenge-
schlecht die Entdeckung eines neuen Sternes
als die Erfindung eines neuen Stoffes, be-
sonders wenn derselbe einem alten, viel em-
pfundenen Bedürfnis glücklich abhilft. Ein
solcher ist entschieden der Xylolith oder das
Steinholz, welches Jngenienr Cohnfeld in
Potschappel bei Dresden und neuerdings
auch ans österreichischem Gebiet in Boden-
bach (man höre und staune!) ans Sägmehl
herstellt, das in Verbindung mit Chemikalien
unter ungeheurem Drucke—2*/2 Millionen
Kilogramm auf den Onadratmeter — zu
Platten bis zu 1 Meter im Geviert bei 5
bis 6 Millimeter Stärke imb mehr zusam-
mengepreßt wird.

Wahrhaft amphibisch von Natur, verbindet
dieses Steinholz die sich entgegenstehenden
Eigenschaften von Holz und Stein zu solcher
Vollkommenheit, daß es zugleich die Schatten-
seiten beider abstreift. Von Holz hat es
a) das Wärmegefühl. Als schlechter
Wärmeleiter kältet es nicht wie Stein, und
als vollkommen dichter Körper schließt es
bei seiner Verwendung zu Fußböden die
Kälte des Ilntergrunds sogar wirksamer ab
als Holz. t>) Seine leichte Bearbei-
tu n g s f ä h i g k e i t. Es kann mit Säge,
Hobel, Stemmeisen, Raspel und Feile,
Lössel- und Zentrnmsbohrer (nur nicht mit
dem Nagelbohrer) behandelt werden; es nimmt
Politur an und verhält sich für Anstrich wie
Holz. Wünscht man einen anderen Ton
als die sehr angenehme hellgelbe Naturfarbe,
so läßt man die Masse bei der Gährung
nnt dem gewünschten Farbstoff dnrchtränken;
wünscht man einen Farbenefsekt, so stellt man
Stücke von verschiedener Färbung nach be-
liebigem Muster zusammen, o) Eine Zähig-
keit und Festigkeit des Zusammenhangs, wie
sie in solchem Grad entfernt keinem Holz
eignet, weshalb auch kein Material (außer
etwa noch Eisen) in derart dünnen Platten
verwendbar ist wie Xylolith. Bei Unter-
suchung auf Zugfestigkeit trat die Zerstörung
erst bei 251 Kilogramm ein, besagt das amt-
liche Gutachten. — Seiner Steinesart
entspricht — jeden Baustein hierin hinter
sich lassend — a) Seine Undurchdring-
lichkeit; so dicht ist sein körniges, schup-

piges Gefüge, daß es ein Eindringen von
Wasser, von Pilzsporen und Krankheits-
keimen wie auch eine Zerstörung durch In-
sekten zur Unmöglichkeit macht, b) Seine
Volumenbeständigkeit: es quillt nicht,
schwindet nicht, reißt nicht, springt nicht, auch
nicht bei unmittelbarer Aufeinanderfolge hoher
imb niederer Temperatur, c) Seine Wet-
ter- im b Feuerfestigkeit. Es ist gegen
Wasser (auch kochendes Wasser) wie gegen
Feuer unempfindlich; es ist z. B. in
Schmiedefener widerstandsfähiger als Schmied-
eisen, da es im Feuer — wesentlich lang-
samer als letzteres verbrennend — nur ganz
allmählig verkohlt, d) Ueberhanpt seine
Härte und Dauerhaftigkeit. Der Härte-
grad des Xyloliths ist der des Feldspathes
und des Quarzes. Granitene Reiber
schliffen sich ab und solche aus Steinholz
halten sich! In der Xylolithfabrik selbst
wurde diese Erfahrung gemacht. Ebenda-
selbst ist eine vielbetretene, dem Wetter ans-
gesetzte Schwelle aus diesem Material schon
2sts Jahre im Gebrauch, ohne daß nur im
mindesten ein Abtreten der Kanten, viel
weniger ein Auslaufen bemerklich wäre. Des-
halb werden auch ausgelaufene Holz- wie
Steintreppen durch Auflage von Xylolith-
platten mit Vortheil erneuert.

Doch genug! So viele Vorzüge müssen
ja fast Kopfschütteln erregen bei jedem, der
nicht selbst Einsicht nehmen kann von dem
uns vorliegenden Ergebniß der Untersuch-
ungen , welche die Königliche Prüfungs-
station für Baumaterialien in Berlin mit
dem Xylolith angestellt hat: wahre Ordalien,
in denen es seine Tüchtigkeit aufs glänzendste
bewährte!

Ohne auf die mancherlei Verwendung ein-
zugehen, die dieser Stoff seit der kurzen Zeit
seines Bekanntwerdens schon gefnnden, und
zwar bis zur Erstellung ganzer verstellbarer
und dabei doch fester Häuser für die Tropen-
gegeuden, begnügen wir uns, drei Fälle
namhaft zu machen, in denen er sich (den
geschilderten Eigenschaften entsprechend) auch
für Kirchenbauten höchst brauchbar erweisen
dürfte. 1) Als Wandbekleidung, zu welchem
Zweck Platten von 5—6 Millimeter Stärke
(und mehr) mit Mörtel angedrückt und durch
Schrauben mit vernickeltem oder verzinntem
Kopf an Dübel angeschraubt werden. Daß
ein solcher Ueberzug, wie er z. B. bald die
durchfeuchteten Wände der Pfarrkirche in
Glatt (Hohenzollern) decken wird, trockener,
wärmer und bei der Dünne und Gleichheit
der Platten auch leichter ist als ein ent-
sprechender ans Stein, braucht nicht weiter
erörtert zu werden. 2) Als Fußbodenbelag,
namentlich unter den Bänken, wo die bis
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