Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

Seite: 38
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Weisung des bildenden Einflusses der Kunst
ist Zeichen einer niederen Bildungsstufe,
eines materialistischen, ungeistigen Sinnes,
oder religiöser Anschauungen, welche dem
Wesen des Menschen nicht sein Recht
werden lassen.

Am wenigsten sollte in unserer Zeit
die Bedeutung des Bildes für die geistige
und moralische Bildung verkannt oder
unterdrückt werden, wo eine stattliche Reihe
von Erfindungen damit sich befaßt, die
Werke der bildenden Kunst tadellos, klar
und lauter, Gemälde sogar fast schon mit
dem ganzen Schmelz und Zauber ihrer Farbe
zu reproduciren und tausendfach zu ver-
vielfältigen , so daß bereits die jetzige
Jugend in viel reicherem Maße durch das
Bild unterrichtet wird, als das noch bei
unserem Auswachsen der Fall war.

Was das religiöse Bild im Be-
sonderen anlangt, so liegt seine Berechti-
gung tiefer im eigentlichen Wesen des
Christenthums, als man vielleicht ge-
wöhnlich annimmt. Im Heidenthum fand
sich das religiöse Bild, aber es mußte
mit der Religion dem Verderbniß und dem
Mißbrauch anheimfalleu. Der Versuch, das
Göttliche in Erdengestalt, in Menschen-
gestalt zur Erscheinung und Darstellung
zu bringen, mußte in der Zeit vor Christus
uothwendig mißlingen; auch die höchsten
und genialen Leistungen des Alterthnms
nach dieser Richtung erscheinen nach einem
Ausdruck Führichs, wie unberechtigte Ante-
cipationen der Jncarnation, oder, was wir
von den edelsten und reinsten religiösen
Schöpfungen zu sagen wagen möchten,
wie Ahnungen dieses großen Geheimnisses
der Zukunft.

Der Mißbrauch des Bildes im Heiden-
thnm war der Hauptgrund seines Verbots
im Judenthum. Wie nahe die Gefahr für
Israel lag, die heidnischen religiösen Bild-
symbole zu entlehnen und mit denselben
auch die abgöttischen Ideen auf seinen
Boden zu verpflanzen, zeigt die Geschichte
des goldenen Kalbes, das ans dem ägyp-
tischen Kult herübergenommen und dessen
Festtag mit dem Ruf augeküudigt wurde:
morgen ist Fest Jehovas (Exod. 23, 1).
Doch war das Bilderverbot des alten
Bundes kein absolutes; Bilder, die nicht
Gegenstand religiöser Verehrung werden
konnten, waren nicht untersagt, wie die

zwei kolossalen goldenen Ehernbgestalten
über dem Sühnethron und die Cherub-
bilder beweisen, welche in Decke und Vor-
hang eingewoben waren.

Im neuen Bund fällt das Verbot
religiöser Bilder ganz weg; sobald das
Christenthum auf Erden festen Fuß ge-
faßt hatte und etwas sein eigen nennen
konnte, rief es die bildende Kunst herbei
und nahm es dieselbe in ihren Dienst.
Ja, es wartete nicht, bis Kirchen und
Basiliken gebaut waren, sondern lud die
bildende Kunst schon in seine unterirdischen
Verstecke ein, wo es die Trophäen der
Verfolgnngszeit, die Leiber der Heiligen
barg, wohin es auch das heiligste Sakra-
ment und das neutestamentliche Opfer
flüchtete; es bat die Kunst, diese düsteren,
lichtarmen Räume zu verschöuern und in
ihrer Sprache die tröstlichen Geheimnisse
des Glaubens auf diese Wände anzn-
schreiben, damit die armen Verfolgten neue
Hoffnung und Kraft schöpfen könnten.
Der angebliche Bilderhaß der erstell
Christen ist längst als Fabel nachge-
wiesen. Die erste Kirche hatte von dem
Augenblick an religiöse Bilder, wo die
Herstellung von solchen physisch möglich
und pädagogisch räthlich war. Daß die
Beschaffung von Bildwerken nicht ihre
erste Sorge, nicht den Anfang ihrer Tä-
tigkeit und Wirksamkeit bilden konnte, ist
selbstverständlich. Zuerst mußte das un-
bedingt Nothweudige geschehen, ehe ans
bedingt Nothweudige gedacht werden konnte,
zuerst das Heil gelehrt und geboten wer-
den, dann erst heilsame Nebengaben; für die
verbildeten Heiden war nach ihrem Ueber-
tritt zum Christenthum zeitweiseö Ent-
behren des Bildes und der Kunst ein
llothwendiges Fasten, durch welches sie
erst wieder zu einem Kunstsinn durch-
dringen konnten. „Die Menschheit", sagt
Hesele (Beiträge I, 3) „mußte sich erst
entschließen, die geistige Schönheit der
irdischen vorzuzieheu, und von Golgatha
statt vom Parnaß das Heil zu er-
warten."

Gleichwohl war Weihnachten auch die
Gebnrtsnacht des christlich-religiösen Bildes.
In letzter Linie und im tiefsten
Grunde ruht die innere Berech-
tig u n g und Nothwendigkeit des
christlichen Bildes im Geheimniß
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