Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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der Incar Nation. Nun war die Gott-
heit im sichtbaren Bilde erschienen, in
leibhaftiger Gestalt; der Sohn Gottes
war Mensch geworden und hatte menschlich-
sichtbare Natur angenommen ans der reinen
Jungfrau-Mutter; als Menschenkind er-
schien er und wuchs heran zum Manu,
und er erfüllte das Land mit dem Ruf
seiner Thaten und Wunder, und dann ward er
zum Ecce-homo voll Wunden und Blut,
und starb am Kreuz; aber er ging aus
dem Grab wieder hervor und gab sich aber-
mals jetzt in verklärter Leiblichkeit, den
Seinigen zu schauen. Und wie in seiner
Person Göttliches und Menschliches,
Sichtbares und Unsichtbares, Himmel und
Erde verbunden erscheint, so in seinem
Werke, so in seiner Kirche, so in all
seinen Heilsinstitntionen, so in seinen
Sakramenten. Alles das ist nur der Aus-
fluß und die Konsequenz seiner Mensch-
werdung.

Man begreift sofort, daß jetzt eigent-
lich erst das religiöse Bild zur Möglich-
keit geworden war, daß auf dem Boden
des Christemhnms die Kunst alsbald Be-
sitzrecht und Wohnrecht erlangen mußte.
Jetzt hatte der Versuch, das Göttliche in
menschliches und irdisches Bild zu fassen,
nichts Verwegenes, Unwahres, Ungehöriges,
Verfrühtes mehr. Die christliche Religion,
ihre Wahrheit, ihre Gnade ist Person,
Person mit menschlicher Leiblichkeit, der
Gottmensch Jesus Christus. Seine Men-
schengestalt ist der darstellenden Kunst er-
reichbar, und auch das geht nicht über ihre
Kräfte, diese Menschengestalt mit einem
Reflex göttlicher Herrlichkeit zu durch-
leuchten. Das Christenthnm ist seinem
Wesen, seinem innersten Mark nach nicht
Lehre, sondern Geschichte, Thatsache,
nämlich eben die Geschichte und Thatsache
des historischen Lebens Jesu mit seinen
einzelnen Scenen und Momenten. Diese
geschichtlichen Thatsachen fallen aber eben-
falls in den Kreis des Darstellbaren.
Jesus lehrte nach der Bemerkung des hl.
Gregor (hom. 32 in evang.) theils durch
Worte, theils durch Thaten, und diese
Thaten sind wiederum darstellbar. Ja selbst
seine Predigt in Worten ist der darstellen-
den Kunst nicht ganz, unerreichbar. Ist
sie doch vielfach in eine Form gekleidet,
welche selber bildlich ist, in die Form

der Parabeln. Die Parabeln des Herrn
sind meist so plastisch, so concret real,
daß sie wie eigens für den Künstler ent-
worfen erscheinen könnten. Eine ganze
Reihe derselben wurde von den ersten
Zeiten bis ans die unsrigen immer und
immer wieder bildnerisch dargestellt und
diente so der Kunst als ein Hanptmittel,
um selbst die unsichtbaren Ideen, die sitt-
lichen Prinzipien, die Tugenden des Christen-
thums anschaulich zu machen. (Forts, folgt.)

Der Birsauer Bilderfries.

Von Stadtpfarrer Eugen Keppler in
Freudenftadt.

Fünfter Brief.

Ob ich Sie zum Besten haben wolle?
So schallt es mir aus Ihrem Neuesten
entgegen. Was mir denn einfalle, da wo
Böcke vorherrschen, ein Sinnbild der Ent-
haltsamkeit entdecken zu wollen? Hat denn
nicht zu allen Zeiten und bei allen Völ-
kern der Bock jene Ausschreitungen ver-
sinnbildet, die den Menschen am meisten
entehren und ihn zum Thier erniedrigen?
Und sofort lassen Sie den ganzen Con-
sensus gentium wider mich anrücken:
ausgehend von Stellen der Schrift, welche
wie 3 Mos. 17, 7 oder Jsai. 13, 21 und
Matth. 25, 32 den Bock und den Bösen
gleichbedeutend nehmen: hindurch durch die
ärgerlichen Darstellungen der Heiden, die
keines Kommentars bedürfen — zu deu
Schrifterklärungen der Väter und zu den
sich von ihnen inspirirenden Thierbüchern
des Mittelalters, welche alle, wenigstens
nach Ihrer Auffassung, kein gutes Haar
am Bock gelassen, und so fort bis zu den
christlichen Künstlern, die von jeher wie
die Leidenschaft so den Teufel, der sie
erregt, im Bocke dargestellt haben: daher
sie diesen auch mit Hörnern, Bart und
Füßen des Bockes schmücken.

Und ich, bei solch gewaltigem Angriff?
Athme ich noch? — Ich athme nicht bloß,
ich stehe noch aufrecht; ich stehe nicht nur
aufrecht, ich bin sogar munter; ich bin
nicht nur munter, sondern just so muth-
willig aufgelegt, daß es mir beifällt, Ihnen
gegen mich sogar noch einige Geschosse zu
leihen, die Sie entweder gar nicht zu Ge-
bote hatteu, oder anzuwendeu vergaßeu.
Sie sind in mittelalterlicher Literatur nicht
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